Gesamtwertung40%/10 |
GrafikAusreichend SoundAusreichend |
LanzeitspaßAusreichend SpieleinstiegMangelhaft |
BedienungAusreichend |
Seit einigen Jahren schon beglückt die schwedische Software-Schmiede Paradox die eher kleine, aber feine Gemeinde der Fans detaillierter, historisch akkurater Echtzeit-Strategietitel immer wieder mit kleinen Juwelen der Programmier-Kunst. Europa Universalis, Europa Universalis II, Hearts of Iron, Victoria, alle diese Namen verbinden auf einzigartige Weise Komplexität mit leichter Bedienbarkeit, Spielspass und historische Genauigkeit und lassen deshalb die Herzen wahrer Hardcore-Strategen höher schlagen. Bald, vielleicht schon im kommenden April, soll mit Crusader Kings ein weiteres Highlight aus Schweden auf den Markt kommen und uns erfreuen. Um die Durststrecke bis dahin ohne ernsthafte Entzugserscheinungen überstehen zu können, bietet uns Paradox zwischenzeitlich noch ein anderes Spiel an: Two Thrones!
Was Two Thrones verspricht:
Two Thrones von Jeanne dArc bis Richard III. ist in den Jahren 1337 bis 1490 angesiedelt, einer Zeit, in der Adel und Kirche alle Macht innehatten. Adelsfamilien aus Frankreich und England sind in einen epischen Konflikt um die beiden Throne der Königreich verwickelt, der die Zukunft des mittelalterlichen Europas bestimmen sollte.
- Spielen sie im LAN oder Internet gegen Ihre Freunde.
- Wählen sie zwischen mehreren großen Nationen, wie England, Frankreich und Burgund aus, oder spielen sie eine der Fraktionen des Rosenkriegs.
- Überleben sie Verrat und politische Intrigen der mittelalterlichen Politik
- Entwickeln sie Ihr Reich zu einer wirtschaftlichen, politischen und militärischen Macht, aber sehen sie sich vor, auf Ihrem Weg zur absoluten Vorherrschaft nicht Kirche, Adel, Bauern oder Bürgern zu sehr zu entfremden.
- Rekrutieren Sie edle Ritter aus mächtigen Burgen, heben sie große Armeen aus Schwertträgern aus, um Ihre Länder zu verteidigen, und beantworten Sie den päpstlichen Bann mit einem Armbrustbolzen...
- Verlassen sie sich auf Englische Langbogenschützen oder werben sie für gutes Silber Schweizer Pikeniere an.
- Detaillierte historische Ereignisse begleiten Ihre Nation durch die finsterste Zeit der Geschichte bis in die Renaissance.
- Mit Europa Universalis Engine
Soviel verspricht, grammatikalisch nicht immer ganz sicher, die DVD-Box...
Und was es hält:
In der Tat, auf den ersten Blick wirkt Two Thrones auch wie ein würdiges Mitglied der Paradox-Familie. Die Benutzeroberfläche ist grafisch nicht gerade aufwendig, aber dennoch mit wenigen, gut durchdachten Untermenüs ansprechend designt. Wir wählen eine der acht spielbaren Nationen (England, Frankreich, Burgund, Betragne, Provence, Orleans, Bourbonnais oder Navarra) in einem der drei Szenarien zum Hundertjährigen Krieg oder eine der beiden Fraktionen (York oder Lancaster) in den beiden Szenarien zum Rosenkrieg aus und schon kann das eigentliche Spiel beginnen. Zunächst gilt es, unsere insgesamt sehr zahlreichen Provinzen mit Befestigungen, Burgen, Kirchen, Städten, Markt- und Rekrutierungsplätzen, Ackerland und Häfen ausbauen und unsere hübsch animierten Streitkräfte aus bis zu acht verschiedenen Truppen- und drei verschiedenen Flottentypen aussenden, um neue Ländereien zu belagern und zu erobern und den Ärmelkanal zu beherrschen. Für jede gewonnene Schlacht, jede eroberte Provinz und jeden neuen Ausbau in einer Provinz erhalten wir Siegpunkte, deren Summe am Ende des Szenarios über Sieg oder Niederlage entscheidet. Dabei gilt es tatsächlich stets im Auge zu behalten, dass alle vier oben genannten Bevölkerungsgruppen uns gewogen bleiben, denn je zufriedener sie sind, desto höher unsere Einnahmen an den beiden einzigen Ressourcen des Spiels, Gold und Getreide. Gelingt es uns jedoch, Adel, Bürger, Kleriker oder Bauern gänzlich zu verärgern, kann es durchaus vorkommen, dass der Pöbel sich gegen uns erhebt und den Aufstand probt, was tunlichst vermieden werden sollte. Um uns den Weg zum Sieg zu erleichtern, können wir auch Staatsehen und Bündnisse mit einigen der zahlreichen KI-Nationen schließen, die uns dann nach Kräften unterstützen...
Das alles ist in der Theorie sehr verheißungsvoll, die Praxis sieht aber leider etwas anders aus:
Der Aufbaupart, der auf den ersten Blick recht ansprechend ist, wird mit der Zeit angesichts der Notwendigkeit, möglichst viele Provinzen optimal auszubauen bei je zehn Ausbaustufen pro Gebäude insbesondere bei großen Reichen zu einer Studie in Unübersichtlichkeit und Leidensfähigkeit (des Spielers). Alle Ausbauten können nur durch Klick auf das jeweilige Gebäude in der bestimmten Provinz auf der Hauptkarte ausgeführt werden, die Provinzgrenzen sind nicht immer leicht zu erkennen und die beiden einzigen zur Verfügung stehenden Zoomstufen dafür auch schlicht zu groß bzw. zu klein. Ingame-Tabellen oder Provinzlisten, an Hand derer man sich einen schnellen Überblick über Zustand und Entwicklungsstufe seines Reiches machen könnte, fehlen leider völlig.
Die vier Bevölkerungsgruppen unterliegen in der Tat gewissen, durch Zufalls- und historische Ereignisse bedingten Stimmungsschwankungen, denen man durch Zahlung von Gold aber leicht entgegensteuern kann. Dies ist aber kaum nötig, denn selbst auf den höchsten Schwierigkeitsgraden sind positive Ereignisse weit häufiger als negative, mit der Zeit wird man üblicherweise ganz von Selbst zum Herrscher, den buchstäblich alle lieben...
Die Armeen bewegen sich, wie schon erwähnt, sehr hübsch animiert über die Landkarte, Schlachten und Belagerungen werden auch optisch sehr ansprechend umgesetzt. Die acht Truppentypen - Ritter, Landjunker, Armbrustschützen, Soldaten, Miliz, Langbogenschützen, die man in der Retail-Version zwar als Starteinheiten haben, aber entgegen den Versprechungen im Handbuch nicht bauen kann, Kanonen und Pikeniere - haben ihre individuellen Stärken und Schwächen. Diese können sich bei den vier unterschiedlichen Geländetypen offen, Wald, Berg und Sumpf enorm auf Ihre Wirksamkeit im Kampf auswirken. Deshalb macht es durchaus Sinn, sich seine Armeen vor dem Angriff den besonderen Anforderungen der nächsten Schlacht entsprechend zusammenzustellen. Aber die KI tut das leider nicht, sie scheint stets bevorzugt nur die billigsten und schwächsten Truppentypen zu bauen und stellt darum keinen ernstzunehmenden Gegner dar. Die einzige wirkliche Herausforderung beim Landkampf ist es, auf der Hauptkarte die Übersicht über den aktuellen Standort der eigenen Armeen zu behalten, denn sobald eine unserer Armeen unser Territorium verlässt, nimmt ihr animiertes Sprite die Farbe des Besitzers der Provinz an, durch die sie sich zufällig gerade hindurchbewegt.
So kommt es beispielsweise dazu, dass unsere mannhaft rotgoldenen englischen Ritter sich plötzlich in babyblau gewandete Schotten verwandeln, kaum dass sie beginnen, Schottland gewaltsam mit unserem geliebten England zu vereinen. Da auch für das Truppen- und Armeemanagement jegliche Tabellen oder interaktive Listen fehlen, ermöglicht uns dieser drollige kleine Bug ständig ein heiteres Wessen-Armee-ist-das-Raten auf der, auch für diesen Zweck, zu großen oder zu kleinen Hauptkarte.
Ist die Heeres-KI so aggressiv und kompetent wie ein scheintotes Zwerg-Kaninchen, so schlägt sich die Flotten-KI im Gegenzug mit der Verve eines veritablen Mörderhais! Sie baut Flotten aus Galeeren, Koggen oder Karavellen, von mitunter geradezu wahnwitziger Größe und setzt alles dran, jedes unserer Schiffe in dem Moment zu versenken, in dem es den Bug ins offene Meer zu stecken wagt. Dem menschlichen englischen Spieler ist es praktisch unmöglich, dauerhaft eine große Flotte zu errichten, solange er nicht alle Küstenprovinzen auf der Karte selbst kontrolliert. Sogar die mächtige und zu Recht seit Jahrhunderten berühmtberüchtigte Flotte der maritimen Weltmacht Navarra wird sie erbarmungslos vernichten, sobald sie sich dreisterweise vor deren kleine Küste wagt. Insoweit erlaube ich mir vorsichtig, die KI mehr als nur ein kleinwenig schlecht ausbalanciert zu nennen, mit Verlaub.
Zu guter bzw. schlechter Letzt noch ein Wort zur Diplomatie. Diese war stets eines der besten und interessantesten Features aller Paradox-Titel, in Two Thrones jedoch ist auch sie so herausfordernd wie... nun wie irgend etwas, was auch ein minderbegabter Sechsjähriger ohne die geringste geistige Anstrengung bewältigen kann: Die diplomatischen Beziehungen zwischen den einzelnen Nationen werden auf einer Punkteskala von -150 (bittere Feindschaft) bis +150 (engste Freundschaft) gemessen. Wir können Kriege erklären, Frieden schließen, Staatsehen eingehen, die uns praktisch nur erlauben, das Territorium unseres angeheirateten Verwandten einzusehen und Staatsgeschenke machen, um unsere Beziehungen zu fremden Nationen zu verbessern. Jedes Staatsgeschenk kostet die selbe Summe Gold und verbessert die diplomatischen Beziehungen zum Beschenkten stets um zehn Punkte. So können wir uns, das nötige Kleingeld vorausgesetzt, auch unseren erbittertsten Feind innerhalb kürzester Zeit zu unserem engsten Freund machen und uns praktisch aus jedem Krieg, der vielleicht trotz der lahmen Heeres-KI für uns schlecht auszugehen droht, ohne Gebietsverlust herauskaufen. Die Herausforderung und Spannung liegt auch hier allenfalls im Fehlen von Tabellen und Listen, die uns etwas über die Beziehungen der KI-Nationen untereinander verraten, ansonsten ist sie gleich Null!
Nein, solche Sorgen sind gottlob einstweilen unberechtigt, denn Two Thrones ist entgegen der Behauptungen des Publishers Koch Media von Paradox gar nicht als Nachfolger von EU2 erdacht worden. Tatsächlich ist es der Nachfolger eines viel älteren Spieles, nämlich Swea Rike III, welches hierzulande erst kürzlich als Crown of the North im Bundle mit EU2 auf den Markt gekommen ist, aber praktisch entwicklungstechnisch dessen Großvater darstellt . Genau genommen ist es sogar nichts anderes, als ein noch bedauerlich verbuggter Swea Rike III-Mod mit zwei neuen Truppentypen und einigen neuen Events, nicht mehr und nicht weniger. Es hat, das nur als witzige Randnotiz zum Abschluss, sogar noch den altbewährten Siegbildschirm von CotN, der uns bei Spielende dazu gratuliert, die Union von Kalmar errichtet, statt den Hundertjährigen Krieg gewonnen zu haben. Dafür ist der Verkaufspreis von ca. 30 mir persönlich aber viel zu hoch, für ein Spiel, das im SP gar nichts und im MP, wenn man mindestens 4-5 der 8 spielbaren Nationen von menschlichen Spielern führen lässt, nur wenig an Herausforderung und Langzeitspaß bietet.
Meine Empfehlung darum an alle Freunde komplexer Strategiesimulationen nicht nur aus dem Hause Paradox: Finger weg von Two Thrones, fassen Sie sich in Geduld, das viel ansprechendere und komplexere Crusader Kings hat soeben Gold-Status erreicht und wird weit eher geeignet sein, Ihnen zum selben Preis den Frühling auf Dauer zu versüßen!
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