Velvet Assassin

Review
Plattform
PC
Vertrieb
SouthPeak Interactive
Entwickler
Replay Studios
Erscheinungsdatum
-
Genre
Action
USK
18
Velvet Assassin

Gesamtwertung

74 %/10

Grafik

8

Sound

9

Lanzeitspaß

Ungenügend

Spieleinstieg

Ungenügend

Bedienung

7

Velvet Assassin

Schleichen gehört in der Spielebranche mittlerweile zum guten Ton und die ganz großen "Schleicher" sind ausreichend bekannt: Sam Fisher, Solid Snake und sogar die beiden Tenchu-Ninjas Ayame und Rikimaru dürfen auf bisher erfolgreiche Franchises zurückblicken, wenn auch nicht immer ausnahmslos mit guten Titeln. Dass die Qualität der Titel, die sich gerne der bekannten Spielmechaniken annehmen, gerne stark schwankt, ist ebenfalls bekannt: Von halbwegs ordentlichen Vertretern wie Aurora Watching bis hin zu billigen Totalausfällen wie Gorky Zero ist so ziemlich alles dabei was das Herz (oder die Leidenslust) begehrt. Nun schicken die Replay Studios "Velvet Assassin" Violette Summers ins Rennen - emanzipierter Weltkriegs-Thriller oder abgebrochener Fingernagel? Unser Review verrät es Euch.

Keine schönen Erinnerungen

Es ist erdrückend warm. Laut summende Mücken schwirren durchs dimmrig-beleuchtete Lazarett - nur zwei, drei gleißend helle Sonnenstrahlen erinnern daran, dass es außerhalb dieser Wände noch so etwas wie Leben gibt. Violette Summers bekommt davon nicht viel mit. In einem mit versiffter Wäsche ausgestattetem Bett kämpft sie im Koma um ihr Überleben.

In diesem Zustand könnte man mit ihr als Protagonistin nicht unbedingt viel anstellen. Doch das, worüber uns Violette erzählen möchte, befindet sich alles in ihrem Kopf, in ihren Erinnerungen, die sich in fieberhaften Träumen manifestieren. Und genau die spielen wir in Velvet Asssassin nach. Violette Summers, die in wesentlichen Grundzügen auf der im Jahr 1945 im KZ Ravensbrück ums Leben gekommenen Violette Szabo basiert, ist, ebenso wie es die historische Vorlage war, eine französische Agentin und Widerstandskämpferin. Die Rahmen für einen ordentlichen Schleich-Actioner sind also gegeben.

Unser Charakter kann genau das, was auch ihre Vorbilder können: Schleichen, im optimalen Fall schnell, präzise und vor allem tödlich zuschlagen und hat auch noch Anlockmanöver wie Pfeifen auf dem Kerbholz. Dass Ihr Euch tatsächlich im für die kompromisslos agierenden Gegner unsichtbaren Bereich befindet, zeigt Euch ein violett schimmernder Schein an, der die Konturen der Heldin belegt. Werdet Ihr dennoch entdeckt, könnt Ihr dafür beten, etwas Munition für Colt, Luger, Schrotflinte oder Sturmgewehr parat zu haben, ansonsten haucht die Gute ihr Leben schneller aus, als man "erwischt" aussprechen kann.

Die Grundsteine sind für einen routinierten Sneak-Actioner sind somit also gelegt. Was kann da noch intervenieren? Nun, so einiges.

Es fängt schon bei der Unberechenbarkeit der Feinde an - dunkle Bereiche müssten Euch eigentlich komplett schützen, wie es ja auch die violetten Konturen bekräftigen. Dumm nur, dass manche Gegner, obwohl sie uns noch nicht einmal wirklich nahe sind, uns trotzdem auf die Fährte kommen. Sterben geht in Velvet Assassin schnell und ist generell unfair. Vor allem, nachdem Ihr darauf bestanden habt, am letzten Checkpoint neu zu beginnen. Denn zumeist wirft Euch der Titel an Stellen zurück, die mehrere Minuten vom Todesort entfernt sind. Mag man dies in den ersten paar Malen noch mit sich machen lassen, frustet es später eher, als dass es fordert und zum Weiterspielen motiviert.

Dabei ist es wie bereits noch nicht einmal immer der Fehler des Spielers, der Euch ins gerne abzugebende Nazi-Rampenlicht rückt, sondern hier und da auch generelle Macken des Spiels an sich.

Handlungsraum für verschiedene Herangehensweisen gibt es viel zu selten, stattdessen dominieren strikt lineare Aktionspfade. Knirschende Glasscherben, Pfützen, Licht- und Schattenbereiche und Ablenkungsoptionen wie abschaltbare Radios wurden von vornherein so platziert, dass es nur genau diesen einen Weg gibt, am jeweiligen Hindernis vorbeizukommen. Ehe die Lösung des Übels gefunden ist, vergehen teilweise unzählige Minuten, die Ihr zum Großteil damit zubringt, wieder zum entsprechenden Ort des Scheiterns zurückzukehren, um entweder siegreich zur nächsten Problemsituation zu huschen oder nochmals das Zeitliche zu segnen.

Das ist insofern besonders bedauerlich, weil das Schleichen an sich großen Spaß macht und zeitweilig sogar verdammt spannend ist. Wenn Ihr Euch an schwer bewaffneten Nazis vorbeischleicht und dabei passende, stark kontrastierte Licht- und Schatteneffekte ein bedrohliches Bild auf den Monitor zaubern, während sich der durchweg gelungene Soundtrack zu immer neuen Höhen zuspitzt, möchte man am Liebsten an den eigenen Fingernägeln knabbern und beten, dass man ja nicht erwischt wird.

Man wünscht es sich angesichts der oftmals zu wenig vorhandenen Rücksetzpunkte und gönnt es der traumatisierten, bettlägrigen Heldin, die immer wieder mit grauenhaften Visionen zu kämpfen hat. Wildes Geschrei, brennende Gebäude, bizarr-böse Nazis mit Gasmasken und dicken Waffen - diese gekonnt inszenierten, albtraumhaften Illusionen werden teils sogar plötzlich ins Ingame-Geschehen übertragen, ohne dass Euch auch nur ein winziger Ladebalken aus dem flüssig präsentierten Erlebnis reisst. Das Pacing stimmt bei Velvet Assassin zu jeder Zeit.

Frust motiviert (?)

Hier und da zeigt sich sich der Titel auch von seiner actionreichen Seite: In einer Fluchtsequenz aus einem Gaslager, in dem wir soeben Sprengkörper platziert haben, dürfen wir schon einmal die Schrotflinte vor den Torso halten, um uns den Weg frei zu schießen. Schön inszeniert, ja, aber auch hier hat Velvet Assassin wieder mit Problemen zu kämpfen.

Die hypersensible Reaktion auf das Mausrad - gezielt wird standardmäßig mit der mittleren Maustaste, die gedrückt gehalten werden muss - hat unsere Heldin schon des Öfteren dazu bewegt, unbemerkt die Waffen zu wechseln und statt mit einer geladenen Shotgun gerade mal mit einem Messer vor der versammelten Nazibrut zu stehen. Ein paar Schuss fallen, Violette ächzt und krächzt und wir dürfen - Trommelwirbel - erneut vom letzten "fair" platzierten Checkpoint starten.

Wer denkt, er könnte mit dem Messer bei Entdeckung einen offenen Kampf starten und dem Bösewicht blitzschnell die Kehle glätten, der irrt. Abgesehen von den Stealth Kills ist der Dolch zu nichts zu gebrauchen - außer Ihr habt das Glück, dass der Feind wirklich direkt vor Euch steht und Ihr schnell genug "buttern" könnt. Ansonsten - Ihr erratet es - droht der sprichwörtliche Biss ins Gras. Munition und Waffen findet Ihr nur in vereinzelt vorhandenen Spinden - als ob die nicht schon selten genug platziert wären, bleiben Euch auch zumeist nur wenige Kugeln übrig und eine Flucht ist zumeist zwecklos, da Violette trotz "aufrüstbarer" Attribute wie Stealth und Stärke, die eher eine Alibifunktion zu erfüllen scheinen, zu wenig aushält.

Sicherlich ist es logisch, die Gute nicht zum kugelimmunen Superman mutieren zu lassen, aber dann muss man wenigstens in den Bereichen Checkpoints und Fluchtwege mitdenken - erstere sind wie bereits erwähnt oft zu weit voneinander entfernt, zweitere gibt es eher selten, ohne dabei wieder den gleichen Weg nach hinten anzutreten.

Wird es doch einmal ausweglos und Ihr habt keine Lust wieder einmal von ganz hinten anzufangen - okay, wer hat das schon? - , dann genügt ein Drücker und Ihr injiziert Euch eine Ladung Morphium. Daraufhin wandelt sich die ganze Szenerie in ein überhelltes, verträumtes Gemälde, Rosenblüten regnen vom Himmel - oder der Decke - und Violette läuft im knappen Schlafoutfit zielsuchend zum nächsten Gegner, um ihn auf besondere Weise den Garaus zu machen.

Das Ganze passt durchaus gut zum surrealen Traumkonstrukt, in dass Euch der Titel steckt, wirkt jedoch einen Tick zu unspektakulär und inkonsequent und macht zudem nur bei einem einzelnen Gegner Sinn. Ist die Wirkung der Droge erst einmal verflogen, seid Ihr nämlich genauso hilflos wie zuvor.

Eine wirkliche Story erzählt Velvet Assassin über den gesamten Spielverlauf zwar nicht, aber dennoch motiviert die düstere Jagd nach Obernazis und wichtigen Dokumenten ungemein, genauso wie die Suche nach der Wahrheit, wie es zu Violettes komatösen Zustand gekommen ist. Trotz aller Kritikpunkte und frustrierenden Passagen vermag es der Titel, von Anfang an in seinen Bann zu ziehen. Eine Leistung, die längst nicht jedes Spiel von sich behaupten kann.

Fazit

Ich höre sie schon wieder reden, diese Machos: "Frauen sind das schwache Geschlecht". Ja ja. Aber nach Velvet Assassin kann ich den lieben Prollos mit den vollgestopften Boxershorts sogar beipflichten. Ohne Stealth-Vorteil und Waffe in der Hand ist Violette Summers so gefährlich wie ein zerklatschter Schwarm Mücken. Flotte Messer-Combos in brenzligen Situationen, damit der Nazi auch ja niemand anderen anlockt, gibt es leider nicht. Da bleibt leider nur das Entdecktwerden mitsamt letztem Gruß und Blick zum meist weit entfernten Rücksetzpunkt. Klasse.

Dabei macht der Titel doch so vieles richtig: Die düsteren Visionen, das traurige Schicksal der Heldin und die durchweg konstant angezogene Spannungschraube verleiten immer, aber auch immer wieder zum Weiterspielen - da kann die KI noch so unberechenbar, das Magazin noch so klein und der letzte Checkpoint noch so weit entfernt sein. Fans der Splinter Cell- und Metal Gear Solid-Franchises dürfen trotz aller Macken getrost einen Blick drauf werfen. Aber jammert mir dann bitte nicht rum, dass Ihr Euch im entscheidenden Moment nicht richtig wehren könnt. Erzählt das lieber den Machos.

Velvet Assassin

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