Drakengard
Auf zu neuen Ufern
Wenn sich ein derart renommiertes Softwarehaus wie Square Enix entscheidet, mit einem Projekt völlig neue Wege zu gehen, ist die Erwartungshaltung der Fangemeinde entsprechend hoch. Drakengard ist nämlich kein weiterer Ableger des Rollenspiel-Ideenreichtums der japanischen Genrealtmeister, sondern ein extrem Action-orientierter und für Square Enix ungewöhnlicher Gameplaymix. Als Inspirationsquellen dienten offensichtlich Spiele wie Koeis Dynasty Warriors, Segas Panzer Dragoon und die Herr der Ringe-Serie von Electronic Arts. Das Entwicklerteam von Square Enix und Cavia vermischen die interessantesten Elemente dieser erfolgreichen Videospiele und verpacken das Resultat in eine mittelalterliche Fantasy-Story. Die Hauptcharaktere in Drakengard sind der enterbte Thronprinz Caim und ein feuerspeiender roter Drache. Beide sind durch einen blutigen Pakt miteinander verbunden, um einen gemeinsamen Feind niederzustrecken. Als Hintergrundgeschichte dient eine chaotische Welt voller Kriege und unheiliger Allianzen. Wie so oft basiert die Story auf dem ewigen Kampf zwischen Gut und Böse: die aus mehreren Nationen zusammen gestellte Konföderation stellt sich der militärischen Übermacht des Imperiums. Die Konföderation hat es sich zur Aufgabe gemacht, die der Welt Harmonie bringende Göttin zu beschützen. Das Imperium hingegen strebt nach der Weltherrschaft, und dabei führt leider kein Weg am Tod der Göttin vorbei. Da es sich bei der königlichen Prinzessin aber auch um Caims Schwester Furiae handelt, hat er schließlich einen Grund mehr, die Welt vor den Monstern und Dämonen des Imperiums zu retten.
Kapitel und Verse
Die Story wird euch wie eine niedergeschriebene Sage in Buchform erzählt. Dabei unterteilt sich der komplette Handlungsstrang in mehrere Kapitel, in denen es unterschiedliche Verse - sprich Missionen - zu erledigen gilt. Die Aufgaben unterscheiden sich in drei Arten und verlangen dabei je nach Auftragsziel unterschiedliche Kampftechniken: Im sogenannten Bodenkampf seid ihr zu Fuß unterwegs und attackiert die Gegnerhorden in bester Hack'n Slay-Manier. Die zweite Möglichkeit ist der reine Luftkampf. Hierzu schwingt ihr euch auf den Rücken eures Paktgefährten und kämpft als Drachenreiter mit den feindlichen Massen um die Lufthoheit. An einigen Stellen des Spiels könnt ihr die beiden ersten Angriffstaktiken miteinander kombinieren. So könnt ihr beispielsweise mit Hilfe des Drachenfeuers die zahlenmäßig weit überlegenen Armeen dezimieren und euch dem hilflosen Rest zu Fuß stellen. Die Missionsziele variieren dabei von Level zu Level nur geringfügig. Grundsätzlich ist es für einen erfolgreichen Missionsabschluss nur notwendig, alle markierten Hauptziele zu besiegen, die auf einer übersichtlichen Karte nochmals farblich erkennbar sind. Je nach Mission versucht ihr das eben zu Fuß oder in der Luft. Nach beendetem Level kommen die klassischen Rollenspielelemente zum tragen.
Für jeden erledigten Gegner gibts Erfahrungspunkte, sowohl für Caim als auch den Drachen. Diese wirken sich positiv auf den Status beider Protagonisten aus, zum einen werden die Lebens- und Magiebalken länger, zum anderen erhöht sich der Waffenlevel.
Die Schlacht beginnt
Vor jedem neuen Level könnt ihr diverse freigespielte Waffen auswählen. Bis zu acht unterschiedliche Angriffsverstärker könnt ihr mit auf die Reise nehmen. Dabei stehen euch z.b. Schwerter, Äxte, Speere, Dolche oder Schlaghammer zur Verfügung. Diese unterscheiden sich natürlich in mehreren wichtigen Punkten wie Stärke, Reichweite oder Gewicht. So könnt ihr euch optimal für die nächste Mission ausrüsten. Zudem trefft ihr während des Spiels noch auf potenzielle Weggefährten. So könnt ihr diese zusätzlich zum Drachen auswählen. Neigt sich Caims Lebensenergie dann dem Ende entgegen, dürft ihr euren Gefährten an dessen Stelle weiterkämpfen lassen. Im Nahkampf stehen euch verschiedene Aktionsmöglichkeiten zur Auswahl: um eine Schlagkombo auszuführen reicht es, mehrfach die Quadrattaste zu drücken.
Zusätzlich lässt sich eine vernichtende Spezialattacke über einen weiteren Tastendruck im richtigen Moment aktivieren. Die oberen Schultertasten lassen euch geschickt ausweichen, während L2 zum Blocken dient. Diese Defensivstellung ist vor allem im Kampf gegen mehrere Gegner bitter nötig, der korrekte Angriff will gut getimt sein. Alternativ zum bewaffneten Angriff steht euch je nach Waffenart Magie zur Verfügung. Ist die Magieleiste voll (füllt sich durch getötete Gegner und Komboangriffe) könnt ihr je nach Erfahrungsstufe einen mehr oder weniger starken magischen Angriff auf die feindlichen Kreaturen loslassen. So wird beispielsweise einmal ein zerstörerischer Feuerball erzeugt, während ein anderes mal Blitze durch die Luft jagen. Auch die Flugsteuerung des Drachen gestaltet sich intuitiv: ähnlich wie bei Panzer Dragoon Orta (Sega, Xbox) könnt ihr auf einfachen Knopfdruck den Drachen beschleunigen, nach rechts oder links ausweichen lassen, kehrt wenden, Gegner direkt anvisieren oder mehrere Feinde auf einmal markieren. Neben dem Standard-Feuerball besitzt auch der Drache magische Fähigkeiten. So löst dieser Angriff eine zielsuchende Attacke mit enormer Zerstörungskraft aus, die in weitem Raduis alles verbrennt.
Freie Expeditionen
Neben einem neuen Kapitel schalten erfolgreich absolvierte Missionen die sogenannten freien Expeditionen frei. In den Bonuslevels könnt ihr abseits des Storymodus weitere Erfahrungspunkte sammeln, die euch im späteren Spielverlauf zu gute kommen. Dazu könnt ihr auf einer Weltkarte euren gewünschten Zielort auswählen und euch an eine beliebige Mission wagen. Dabei gilt es ähnliche Aufgaben wie während der Geschichte zu erledigen. So müsst ihr einmal die Kommandeure des Imperiums innerhalb eines Schlosses besiegen, an anderer Stelle muss der Luftraum von den feindlichen Invasoren gesäubert werden. Ebenfalls nett: die zusätzlichen Levels unterstehen selten einem Zeitlimit, was auch mal einen Rundblick über die gigantischen Außenareale erlaubt. Die mittelalterliche Atmosphäre wurde Herr der Ringe-Like inszeniert und begeistert durch abwechslungsreiche Levelarchitektur. Die Schlachtfelder erstrecken sich von kargen Bergketten über verschneite Dörfer bis hin zu grünen Tälern und dichten Wäldern. Schöne Partikeleffekte gefallen im Kampf genauso wie herrliche Weit- und Übersicht auf dem Rücken des Drachen. Zum positiven grafischen Gesamteindruck passen auch die zahlreichen typischen Square Enix-Rendersequenzen, die der FMV-Kunst aus Final Fantasy 10 gleich kommen. Abzüge gibts allerdings bei der Soundkulisse: ein nerviger Soundtrack und ständig wiederholende Kampfsamples wirken sich nicht gerade motivierend auf den Spielspass aus. Ansonsten gibts rein technisch gesehen nicht viel zu bemängeln, denn ohne hässliches Kantenflimmern und mit optionalem 60Hz-Modus sind selbst Grafikfreaks gut versorgt.
Fazit
Der erste Eindruck von Drakengard täuscht schnell über das eigentliche Potenzial hinweg. Die zunächst unspektakuläre Präsentation und einseitige Fließband-Kämpfe stellen zu Beginn hohe Spielspass-Hürden dar. Mit zunehmendem Spielverlauf gestaltet sich das Gameplay aber interessanter: man erspielt sich immer effektivere Waffen, lernt mächtigere Angriffe und findet Gefallen an den Flugmissionen. Zudem lenkt der Spielverlauf mit wechselnden Flug- und Fußmissionen geschickt von der brachialen Daueraction ab. Hat euch erst mal das Storynetz gefangen, könnt ihr so schnell nicht wieder loslassen. Drakengard ist ein hervorragender Titel für Actionfans mit Affinität zu epischen Storys. Rollenspieler, die einen Final Fantasy-Spin off erwarten, werden mit Drakengard allerdings nicht glücklich.
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