Gran Turismo 4

Review
Plattform
Sony Playstation 2
Vertrieb
Sony
Entwickler
Polyphony Digital
Erscheinungsdatum
-
Genre
Racing
USK
0
Gran Turismo 4 [PS2 , Justgamers]

Gesamtwertung

95%/10

Grafik

Sehr gut

Sound

Gut

Lanzeitspaß

Gut

Spieleinstieg

Gut

Bedienung

Sehr gut

Gran Turismo 4

Endlich haben auch wir PALianer die Ehre, uns hinter die Lenkräder der virtuellen Karossen in Gran Turismo 4 klemmen zu dürfen. Kaum ein anderes Spiel hat im Laufe seiner Entwicklungszeit für so viel Aufregung gesorgt wie Sonys Edelracer. War die beständige Verschiebung des Releasetermins noch ein vergleichbar kleines Übel, glich die Streichung des so heiß ersehnten Onlinemodus’ einem Schlag ins Gesicht. 'Ist es ohne Onlinemodus denn überhaupt möglich, den ohnehin schon genialen Vorgänger zu übertreffen?', so lautet die oft gestellte Frage, die in unserem Test beantwortet wird.

Alles beim Alten

Irgendwie fehlt einem die Fahrt durch den laufenden Motor von Gran Turismo 3 schon, aber ganz zu verachten ist die neue Introsequenz nicht. Auf Wunsch in feinstem Dolby Digital 5.1, dem restlichen Spiel bleibt Pro Logic II vorbehalten, erblickt der Rennfan einen wunderschönen Ford GT vor wechselnden, beeindruckenden Landschaften, untermalt mit dem ersten Part von Masahiro Andohs Moon over the Castle. Hier passen Bild und Ton einfach perfekt zusammen. Für uns Europäer übernimmt im zweiten Teil des Intros, welches die üblichen rasanten Rennszenen zeigt, Kasabian mit dem Jack Knife Lee Remix von „Reason in Treason“ die Zügel. Wie schön doch Motorsport sein kann…

Wieder einmal trennt sich die Spielerfahrung in GT4 in zwei Modi: Gran Turismo und Arcade. Treue Fans der Serie wissen, dass sich Einzelspieler in erster Linie die Nächte mit dem Gran Turismo-Modus um die Ohren schlagen werden, dem eigentlichen Herzstück des Spiels. Fix angeklickt und schon werdet ihr mit dem sehr eigenwilligen Menüdesign in Form einer einzigen großen Weltkarte konfrontiert. Von hier aus könnt Ihr einzelne Autohersteller aufsuchen, Eure Errungenschaften in der Garage bewundern oder themenbasierte bzw. zugangsbeschränkte Rennen starten. Unterschieden wird nach Baujahr, PS, Reifen, Herkunftsland, Art des Antriebes und all den anderen Faktoren, die ein Fahrzeug eben ausmachen.

Mit anfänglichen 10.000 Cr. sind „richtige“ Autos natürlich nicht erschwinglich, aber da der Gebrauchtwagenhändler um die Ecke sicherlich das ein oder andere schmucke Stückchen parat hat, ist ein erster fahrbarer Untersatz schnell gefunden. Alternativ dazu empfiehlt sich ein Einstieg über die Lizenzprüfungen, die den Spieler in keiner Weise so überfordern, wie es beim dritten Teil stellenweise der Fall war. In insgesamt fünf Kategorien inklusive der Lizenz für Spezialrennen - eine separate Rallyelizenz wurden wegrationalisiert - müsst Ihr in je 16 einzelnen Prüfungen euer Können unter Beweis stellen. Schritt für Schritt lernt der Anfänger den Umgang mit schwachbrüstigen Blechschleudern bis hin zu monströsen PS-Boliden in Kurven und Schikanen, wobei geübte Fahrer selbst beim ersten Versuch schon das rettende Bronze gewinnen sollten. Nach einem erfolgreichen Abschluss einer Lizenz gibt es ein neues Fahrzeug für Eure Garage.

Wenn Entwickler einen Vorgänger übertreffen möchten, gibt es für sie stets mehrere Optionen: Man kann die negativen Aspekte beseitigen, positive Aspekte weiter ausbauen oder gänzlich neue Wege gehen. Polyphony Digital hat sich für die beiden letzten Varianten entschieden, was angesichts der Mängel gegenüber anderen Rennspielen etwas schade ist. Doch dazu später mehr. Die große Stärke ist und bleibt die Fahrphysik, welche in GT4 noch einmal einen Deut besser erscheint. Jedes Fahrzeug verströmt seinen eigenen Charme, unbedachte Bremsmanöver enden mit ungewollten Ausritten, getimtes Schalten bringt deutliche Vorteile mit sich und selbst Unebenheiten beim Belag, besonders auf der Nordschleife zu beobachten, wirken sich deutlich auf das Verhalten der Fahrzeuge aus.

Renngeschehen mit Hochglanzoptik

Einen etwas größeren Sprung nach vorne hat es bei der Grafik gegeben, der zweiten großen Stärke der Vorzeige-Rennsimulation. Bei der Beschreibung der Settings für die 50 Strecken kommt man um das kleine Wörtchen „Fotorealismus“ kaum noch herum. Besonders bei den weitläufigen Strecken wie der Infineon Raceway oder der Suzuka Circuit ohne performancefressende Gebäude, Leitplanken oder Bäume erlebt der Spieler eine unbeschreibliche Grafikpracht. Das soll nicht heißen, dass Stadtkurse wie Citta di Aria oder Hong Kong weniger beeindruckend sind, jedoch zeigen sich dort einige Mängel der Engine überdeutlich. Wieder mit an Bord ist das obligatorische Grafikflimmern, dessen Beseitigung sich Polyphony Digital wohl noch etwas aufsparen möchte. Genauso auffällig sind hartnäckige Pop-Ups, die das Gameplay aber in keiner Weise beeinflussen. Lob verdienen die 3D-Zuschauer am Streckenrand (je nach Kurs stehen dort jedoch wieder vorwiegend „Pappaufsteller“), Fotografen, die im letzen Moment von der Strecke huschen und die Boxencrew, die endlich den Weg ins Spiel gefunden hat. Apropos Boxencrew: Diese ist bevorzugt in den Ausdauerrennen gefragt, wo sie zuverlässig abgenutzte Reifen wechselt und den Tank befüllt.

Über alle Zweifel erhaben ist die grafische Güte der über 700 (!!) Fahrzeugmodelle. Egal ob Karossen vom Autohändler um die Ecke, Edelsportwagen aus Amerika, Geländewagen, Leichtbaumodelle aus dem Land der aufgehenden Sonne, DTM-Boliden, Konzeptfahrzeuge… hier findet jeder seinen Jugendtraum. Alleine die schiere Masse entschädigt das neuerliche Fehlen eines Schadensmodells.

Um jederzeit konkurrenzfähig zu bleiben, empfiehlt sich ausgiebiges Tunen der schmucken Karren. Neue Bremsscheiben, Kupplung, Gewichtsreduzierung, Karosserieversteifung, Rennreifen. Faszinierend ist nicht bloß die enorme Vielfalt, sondern vielmehr, dass sich alle Änderungen merklich auf das Fahrverhalten auswirken. Daher ist es sinnvoll, in der hauseigenen Werkstatt das Vehikel exakt auf die vorherrschenden Witterungsbedingungen anzupassen, damit auch in Zukunft Preisgelder eingefahren werden können. Optisches Tuning ist allerdings nur in sehr kleinem Rahmen möglich. Ein paar neue Felgen hier und ein Spoiler da, schon hat der Spaß ein Ende.

Neuland wird außerdem mit dem NOS-Boost, besser unter dem Synonym „Lachgaseinspritzung“ bekannt, betreten. Was in reinrassigen Arcaderacern von allerlei grafischen Spielereien begleitet wird, geht hier ganz nüchtern über die Bühne, verschafft für einige Zeit jedoch etliche zusätzliche PS.

Wo ist die KI geblieben?

Im Zuge der Entwicklung scheint ein Faktor in einer einsamen Ecke verstaubt zu sein: Die künstliche Intelligenz der Gegner. Selbige ist erneut kaum vorhanden und zeigt sich nur selten, zum Beispiel in Ausrutschern Eurer Kontrahenten. Aggressivität? Fehlanzeige. Alternative Linien? Nicht bei GT4. Gewagte Überholmanöver? Ganz, ganz selten. Damit die Rennen dennoch spannend bleiben, soll ein Punktewert Aufschluss über das Kräfteverhältnis zwischen Eurem Fahrzeug und denen der CPU geben. 1 Punkt bedeutet keine Herausforderung, 200 Punkte dagegen verkünden ein richtig hartes Rennen. In der Praxis funktioniert das System leider oft überhaupt nicht, zumal Ihr erst direkt vor dem Start erfahrt, wie es um die Punktzahl steht. Damit kann der fahrbare Untersatz nicht mehr den Umständen angepasst werden. Viel zu häufig kommt es vor, dass der Spieler in einem 1-Punkte-Rennen fast chancenlos ist, während manches 200-Punkte-Rennen kein Problem darstellt.

Wesentlich besser gelungen sind die weiteren Neuerungen, wie etwa der B-Spec-Modus. Ihr besetzt als Rennleiter die virtuellen Bildschirme der Box und dirigiert euren Schützling während des Renngeschehens. Wie schnell soll er fahren? Wann soll er zur Box kommen? Auf der Gerade überholen? Auch wenn der Einfluss des Spielers nur geringer Natur ist, eine gelungene Abwechslung ist es dennoch.

Auf den ersten Blick als bloßes Gimmick verschrien, entpuppt sich der ebenfalls frische Fotomodus als wahrer Freizeitkiller. Mit Hilfe einer im Großen und Ganzen frei bewegbaren Kamera dürfen Hochglanzschnappschnüsse der Edelkarossen vor vorgefertigten Kulissen oder aus Replays heraus geschossen werden - Alles in einer Auflösung von 1280*960 Pixel! Mit einfachen Tricks wie dem Neigen der Kamera oder künstlicher Unschärfe entstehen so fantastische Aufnahmen, die auf der Memory Card gespeichert werden, um sie später im Dia-Modus samt passender Musikuntermalung zu bewundern. Besitzer eines USB-Druckers bringen die Bilder auf Papier, was angesichts der damit verbundenen Kosten wohl eher weniger Verbreitung finden wird. Praktischer ist da schon die Möglichkeit, die vorhandenen Fotos mit Hilfe eines USB-Sticks (MP3-Player eignen sich in vielen Fällen ebenfalls dazu) auf den PC zu bringen, um gehörig vor seinen Freunden angeben zu können.

Kleine Spielchen zwischendurch

Je weiter Ihr im eigentlichen Spiel voranschreitet, desto mehr Strecken und Fahrzeuge stehen euch im Arcade-Modus zur Verfügung, der sich in Zeitrennen und 2-Spieler-Wettkampf teilt. Ihr wählt Strecke, Fahrzeug (jeder Spieler darf auf seinen eigenen Fuhrpark von der Memory Card zurückgreifen), die Reifenmischung und die Art der Fahrhilfen, bevor es an den Start geht. Leider sind keine weiteren CPU-Kontrahenten auf dem Parcours, was im Zuge der kränkelnden KI aber wohl zu verschmerzen ist.

Wem der Splitscreenmodus nicht zusagt, darf bis zu sechs Konsolen via Netzwerkkabel miteinander verbinden. Auch hier seid Ihr vor anderen CPU-Fahrern und alternativen Spielmodi sicher. Abgerundet wird das Gameplaypaket durch neue Fahrmissionen im GT-Modus und Rennen unter Spezialbedingungen. Überholt eine bestimmte Anzahl von gegnerischen Fahrzeugen unter Zeitdruck oder weist die Kontrahenten mit einem gleichwertigen Auto in die Schranken. Die Spezialbedingungen führen Euch zumeist auf Strecken mit variierenden Untergründen, sei es regennasser Asphalt, Matsch oder sogar Schnee. Grafisch aufwändig umgesetzte Witterungsverhältnisse wie zum Beispiel hübsche Regeneffekte wurden aber leider auch im neusten GT-Ableger nicht realisiert.

Ein Herz für Europäer

Der Vorwurf, dass wir europäische Videospieler von den Publishern stiefmütterlich behandelt werden, kann Sony nicht gemacht werden, denn die PAL-Anpassung von GT 4 verdient einzig und alleine das Prädikat „1. Güte“. Vollbild und butterweiche 50 FPS lassen das Geschehen auf den Strecken dank höherer Auflösung im Gegensatz zu den Versionen aus Übersee im neuen Glanz erstrahlen - im Zuge dieser optimalen Anpassung ist ein 60 Hz-Modus übrigens überflüssig. Wer Spielstände von GT3 oder Prologue auf seiner Memory Card deponiert hat, freut sich im ersten Fall über 100.000 Credits und im zweiten über das automatische Bestehen einiger Lizenzprüfungen. Bei so viel Liebe ist es mehr als unverständlich, dass eine Kameraperspektive fehlt, die das Auto aus einiger Entfernung zeigt. Neben einer Stoßstangenkamera und einer Art Cockpitsicht ist lediglich eine sehr nahe Verfolgersicht vorhanden.

Wieder vorbildlich geht es beim Sound zur Sache. Neben den standardmäßig aktivierten europäischen Stücken sind zusätzlich die amerikanischen und japanischen enthalten, womit sich die Gesamtzahl auf 97 (!) Songs beläuft. Aufgrund der unterschiedlichen nationalen Geschmäcker finden sich Stücke aller Genres, sei es nun Rock von Feeder über Metal von Judas Priest, Techno, House bis hin zu Klassik mit Mozart, Beethoven und Claude Debussy. Etwas blass und eintönig wirken hingegen erneut einige Motorensounds - etwas mehr Biss würde den Boliden sicherlich gut stehen.

Fazit

Unzählige Rennspiele sind seit Gran Turismo 3 durch meine Hände gegangen, jedoch wusste keines mich richtig lange vor der Konsole zu fesseln. Es waren eben alles nur Rennspiele. Gran Turismo 4 ist mehr. Jedes neu gewonnene Auto trieb mich direkt in die Garage, um es in seiner vollen Pracht bewundern zu können. Steht sonst Geschwindigkeit im Vordergrund, wird hier schnell der Sammler in uns geweckt. Haufenweise Autos, Strecken im Überfluss, perfekte Spielbarkeit, eine grandiose Optik und nahezu hundert Musikstücke lassen einen über die paar Mängel locker hinwegsehen. Und seien wir einmal ehrlich: Fallen einem die negativen Aspekte des Spiels nicht allein deshalb auf, weil der Rest einfach so makellos ist?

Gran Turismo 4 [PS2 , Justgamers]

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