Rogue Galaxy

Review
Plattform
Sony Playstation 2
Vertrieb
Sony
Entwickler
Level 5
Erscheinungsdatum
-
Genre
RPG
USK
-
Rogue Galaxy [PS2 , looki.de]

Gesamtwertung

85%/10

Grafik

Sehr gut

Sound

Gut

Lanzeitspaß

Sehr gut

Spieleinstieg

Sehr gut

Bedienung

Gut

Rogue Galaxy

Für Rollenspieler mit Leib und Seele sind die berüchtigten PAL-Berge die wohl unschönste Erscheinung der Neuzeit. Umso erfreulicher, wenn es ein Titel dann doch irgendwann in die hiesigen Läden schafft. So auch Rogue Galaxy, mit dem Japaner bereits seit dem 8. Dezember 2005 spielen dürfen. Ende Januar diesen Jahres wurde dann Nordamerika versorgt, über den großen Teich gelangte Level 5s Space Opera mit Piratentouch schließlich diesen September. Ob sich das Warten auf das Cel-Shading-RPG im Knuddellook gelohnt hat?

Story im Retrodesign

Ein Findelkind mit erstaunlichen kämpferischen Talent, großgezogen und geliebt von einem Pastor auf irgendeinem Planeten in der bekannten Galaxis und seit jeher mit dem Wunsch im Herzen, einmal in den Weltraum zu reisen, um neue Dinge zu sehen. Dann, eines fernen Tages, die Möglichkeit der täglichen Ödnis zu entkommen, sich erfahrenen Kämpfern anzuschließen und den Wundern der bekannten Galaxis auf den Grund zu gehen. Klingt bekannt? Ja, irgendwie hat man als langjähriger Rollenspielanhänger das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben. Die Geschichte um Jaster Rogue ist weit weniger tiefschichtig als in anderen Rollenspielen, die spärlich gesäten Wendungen alle irgendwie vorhersehbar. Rogue Galaxy beeindruckt und fesselt vielmehr durch das Gesamtsetting. Die Crew des „Piraten unter Piraten“ Dorgengoa auf seinem Piratenschiff Dorgenark (Eine fliegende „Dschunke“) ist dermaßen bunt gewürfelt, dass kaum Platz für deren Hintergrundgeschichten bleibt. Ein Duo im Stile von C3PO und R2D2, die auf die Namen Steve und Simon hören. Eine Kröte, die zwei Waffen verspeist, um daraus bessere herzustellen. Eine knapp bekleidete Amazone, die ihr Temperament nur schwer zu zügeln weiß. Die süße Tochter des schwergewichtigen Captains, die Jaster prompt zu Beginn das Leben rettet.

Witz und Ernst halten sich gekonnt die Waage. Da haben wir Mio, eine Angestellte der Galaxy Corporation, die mir ihrem eigenem Fanclub aufwarten kann (Als zwei große Fans lernt ihr digitale Laurel und Hardy Kopien kennen). Dann geht es wieder um die traumatischen Erlebnisse der ehemaligen Freunde Deego (Eine hünenhafte kybernetische Bulldogge) und Gale, die in einem finalen Showdown in einer alten Mine gipfeln.

Die englischen Synchronsprecher verrichten ihre Aufgabe in den zahlreichen und langen Echtzeit-Zwischensequenzen (beides ist hier wörtlich zu nehmen. Öfters lässt sich bequem eine Tasse Kaffee trinken) hervorragend. Die Atmosphäre stimmt hier einfach, wenn Steve mit schottischem Akzent seine Ansichten zum Besten gibt oder Monsha (Eine sprechende Katze und erster Maat der Dorgenark) breitbeinig in der Zentrale steht und Befehle erteilt.

Tränke im Sonderangebot

Gemischt mit den übrigen Komponenten zeigt Rogue Galaxy über die gesamte Spielzeit (Selbst ohne Sidequests, Mini-Games und sonstigen Boni geht es an die 30 bis 40 Stunden) ein recht komplexes und motivierendes Bild. Da hätten wir zum einen das action-orientierte Echtzeit-Kampfsystem. Ähnlich Kingdom Hearts zieht ihr als Trio in den Kampf. Wer von den acht spielbaren Charakteren kämpft, bleibt zumeist euch überlassen.

Die Gegner sind zwar nicht weithin sichtbar, gekämpft wird dennoch in der Umgebung, die ihr gerade durchreist. Kommt es zum Encounter, „morphen“ sie aus Landschaft und gehen sogleich auf die illustre Truppe los.

Ihr habt dabei stets die volle Kontrolle über einen Charakter, während die anderen beiden von der CPU übernommen werden. Primär- und Sekundärangriff (Für jeden Charakter sind dies jeweils eine Nah- und eine Fernkampfwaffe) dürfen beliebig in Kombination eingesetzt werden, als einzige Beschränkung steht die Ausdaueranzeige im Wege. Ist sie leer, müsst ihr einige Sekunden warten oder erfolgreich einen Block ausführen, bevor ihr wieder Aktionen ausführen dürft. Da es mit nur zwei Angriffsvarianten etwas langweilig im bekannten Universum werden würde, finden sich zusätzlich weitere Fähigkeiten im Repertoire der Recken. Spezialattacken, magische Fähigkeiten zur Verbesserung der eigenen Stärke/Abwehr, sowie die kraftvollen Brennschläge, bei denen ihr durch drücken der richtigen Tasten kraftvolle Combos in die Runde werft.

Stellenweise taktisch und richtig schwer werden die Kämpfe durch mehrere Dinge. Zum einen Bedarf es bei einigen Feinden einer gewissen Vorgehensweise. Fliegende Gegner können nur mit Sprungattacken (Jaster und Co. dürfen sowohl an der Oberfläche als auch im Kampf springen) oder Fernattacken angegriffen werden und die Flora auf Lilikas Heimatplaneten ist erst nach einem gezielten Sprung auf den Kopf davon zu überzeugen, ihre verwundbaren Innereien preiszugeben. Fieser Schleim schützt sich durch ein Schild, das durch eine spezielle Waffe Jasters erst aufgelöst werden muss, während bei besonders großen Gegner Plattformen helfen, die er mittels der „Einzelschuss“ (Die deutschen Übersetzungen sind nicht sehr einfallsreich) erzeugen kann, um die verletzlichen Stellen zu erreichen.

Zum anderen ist es vor allem die mittelprächtige KI, die euch stets volle Aufmerksamkeit abverlangt. Auf das Abwehren von Angriffen verstehen sich eure Mitkämpfer nämlich überhaupt nicht. Ohne tatkräftigen Einsatz vieler vieler Heilitems fallen deren HP schneller auf Null, als euch lieb sein kann. Dass die Kämpfe im Trubel dennoch alle „machbar“ bleiben, liegt am spielerorientierten Gameplay. Ihr könnt das Kampfgeschehen jederzeit pausieren und mit allen Charakteren beliebig Items und Fähigkeiten ohne Zeitverlust einsetzen. Ihr dürft munter wiederbeleben, heilen und Statusveränderungen aufheben, während der Obermotz gerade zum vernichtenden Schlag ausholt – Immer vorausgesetzt, ihr habt noch genug Ausdauer übrig.

Unterstützend bieten eure Kameraden im Kampf situationsangepasste Kampfvorschläge, die per Druck auf die entsprechende Taste (L1 bzw. L2) sofort in die Tat umgesetzt werden. Brennt ihr, möchten sie euch löschen, habt ihr nicht mehr genügend FP, um Spezialfähigkeiten einzusetzen, wollen sie mit dem entsprechenden Trank aushelfen. Das spart das Klicken im Menü und kommt dem Spielfluss zu Gute.

Handwerker gesucht

Die mitunter sehr anspruchsvollen Kämpfe stehen damit etwas im Gegensatz zu den sonstigen Gewohnheiten von Rogue Galaxy. Da wären vor allem die vielen Speicherpunkte zu nennen. Stellenweise schafft ihr gerade zwei, drei Kämpfe, bis der nächste Speicherpunkt auf euch wartet. Da ist es selbstverständlich, dass sich vor jedem größerem Kampf ebenfalls direkt ein solcher befindet. Der Weg zu diesen ist dabei stets sehr linear. Abzweigungen führen meist nur zu Kisten oder in Sackgassen, solltet ihr euch dennoch verlaufen, hilft ein Blick auf die Karte. Ein Pfeil weist zu jeder Zeit Richtung Zielort. Wer nicht laufen möchte, darf innerhalb eines Planeten beliebig zwischen den bereits aktivierten Speicherstationen hin und her teleportieren.

Die Kämpfe machen zwar einen großen Teil von Rogue Galaxy aus, sind aber bei weitem nicht alles, was den Reiz ausmacht. Zu den weniger komplexen Dingen zählt da noch das Levelsystem, Enthüllungsfluss genannt. Ganz entfernt an das Spährobrett erinnernd, lassen sich Fähigkeiten (z.B. „Dolchstoß“, um der Angriffswaffe kurze Zeit mehr Kraft zu geben) und Statuserhöhungen (z.B. „Wind-Plus“ für verstärkte Windangriffe) durch das Einfügen von Gegenständen in der Enthüllungsübersicht freischalten. Diese findet ihr überall, sei es in Kisten am Wegesrand, als Beute im Kampf oder schlicht als Item im hiesigen Geschäft um die Ecke. Mehr Einfluss auf eure Charaktere könnt ihr nicht nehmen. Die Waffenart, mit der ein Charakter kämpft, ist stets dieselbe und ein „echtes“ Magiesystem gibt es ebenfalls nicht.

Langeweile gibt es bei der Waffenauswahl dank Toady (die zu Beginn schon erwähnte Kröte) aber keine. Häufiger Einsatz von Waffen im Kampf lässt sie bis zur Stufe MAX steigen. Verfüttert ihr zwei solcher Waffen gleicher Gattung an den Frosch, macht er eine neue raus. Die Kombinationsmöglichkeiten gehen bei weitem über das hinaus, was der normale Spieler jemals sehen wird. Level 5 gibt hier „über 500“ an. Zum Beenden des Spieles ist das Ganze glücklicherweise nicht essentiell. Die Waffenhändler führen genügend starke Waffen im Sortiment. Wechselt ihr eure Waffe, ändert sich entsprechend das Äußere des Charakters, auch in den Cutscenes. Gleiches gilt für die alternativen Kostüme, die über alle Welten verstreut gefunden werden können.

Handwerkliches Geschick ist bei der Itemerschaffung ebenfalls ganz praktisch. Im Laufe des Abenteuers erlangt ihr Zugang zu einer Fabrik, mit deren Hilfe sich neue Items erstellen lassen, die anschließend in den Läden zum Verkauf stehen. Blaupausen finden sich bei NPCs überall verstreut, Rohstoffe liegen wie gewohnt in Kisten, im Geschäft oder nach den Kämpfen. Statt zwei oder mehr Gegenstände nun mittels Knopfdruck zu verschmelzen, muss erst eine komplette (!) Fabrikationsanlage gebaut werden, bevor ihr das Ergebnis in den Händen halten dürft.

Vorbereitungstische, Laufbänder, Schmelzen, Kühlaggregate, Demontierer… Strom darf ebenfalls nicht fehlen, ansonsten läuft gar nichts. Technisches Gerät muss erst auseinander gebaut werden, bevor es verarbeitet werden kann. Metalle wollen erst geschmolzen und anschließend wieder abgekühlt werden, bevor sich damit was anfangen lässt. Hier lässt sich viel Zeit verbringen, wenn man denn die Lust dazu hat.

Prachtstücke

Schon recht früh habt ihr die Möglichkeit, mit der Dorgenark frei in der Galaxis herumzureisen. Der Weg durch die Story (13 Kapitel auf sechs Welten) ist zwar vorgegeben, zu entdecken gibt es aber genug. Neben der bereits erwähnten Jagd nach neuen Waffen und Rohstoffen sind die Kopfgeldjägerauftrage besonders interessant.

Im Shop lassen sich Steckbriefe kaufen, die euch zu den wertvollen Opfern führen. Als Belohnung winken besonders viele Jägerpunkte, die euch in der virtuellen Rangliste aufsteigen lassen. Fleißige Spieler (Es dauert sehr lange, bis man in die oberen Regionen vorgestoßen ist) bekommen als Belohnung nette Items für die Sammlung.

Noch mehr Fleiß lässt sich in das Insektron genannte Minispiel investieren. Mittels Käfig und passendem Köder könnt ihr Insektoide fangen und mit ihnen auf Schachbrett ähnlichen Feldern Wettkämpfe bestreiten. Zum Fangen platziert ihr den Käfig einfach auf dem Boden (Die Planeten Juraika und Zerard sind besonders Erfolg versprechend), wartet ein paar Minuten und schon bekommt ihr angezeigt, ob sich im Käfig was getan hat. Ist ein Insektoid gefangen, dürft ihr ihn in Zuchtkäfigen füttern und heranwachsen lassen.

Technisch betrachtet ist Rogue Galaxy eine echte Cel-Shading-Perle und das wohl schönste Cel-Shading-Spiel überhaupt auf der PlayStation 2. Ihr durchstreift riesige Metropolen mit weitläufigen Arealen (Wenn auch nicht ganz so belebt wie in Final Fantasy XII), dichten grünen Dschungel mit Wasserläufen und komisch anmutenden Ureinwohnern und die trockene Wüste auf Jasters Heimatplaneten. Da fällt es nur wenig ins Gewicht, dass die Dungeons mitunter sehr eintönig daherkommen und sich Gänge Windung für Windung wiederholen. Dafür kommt das Spiel gänzlich ohne Ladezeiten aus.

Für die passende Sounduntermalung war bei Level 5 erneut Tomohito Nishiura (Aus seiner Feder stammen die Soundtracks zu Dark Cloud und Dark Chronicle) verantwortlich. Herausgekommen ist eine klassische RPG-Mischung vieler guter Stücke, die jedes Gebiet auch akustisch einzigartig machen. Dass sich die Themen dabei hartnäckig so lange wiederholen, bis ihr den Abschnitt wechselt, gehört (irgendwie) einfach zu einem Rollenspiel und stört in keinster Weise.

Fazit

Um zur anfänglichen Frage zurückzukommen: Ja, das Warten hat sich gelohnt. Mehr als gelohnt sogar. Schon lange nicht mehr habe ich mich so schnell in einem Spiel verloren, sind die Spielstunden nur so dahin geflogen. Das liegt vor allem an der hervorragenden Präsentation des Titels. Die PlayStation 2 zeigt noch einmal auf ihre alten Tage, was in ihr steckt und das reicht locker, um selbst Gelegenheitsrollenspieler hinter ihrer Couch herzulocken. Natürlich hätte die Story besser sein können. Sie hätte aber genauso gut wesentlich schlechter sein können. Natürlich könnten die Dungeons abwechslungsreicher aussehen. Sie hätten dabei aber genauso gut hässlich sein können. Mehr Glanz verliert diese Perle da schon durch den teilweise sehr happigen Schwierigkeitsgrad. In den Kämpfen werden ihr stellenweise mehr Zeit mit dem Einwerfen von Heilitems als mit den Gegnern verbringen. Unerfahrene Spieler dürfen sich zur Frustbewältigung dankenderweise mit den zeitintensiven Mini-Games und Sidequests beschäftigen. Rogue Galaxy ist ein typisches Rollenspiel durch und durch, keinesfalls frei von Ecken und Kanten und mit Sicherheit nicht das beste Rollenspiel für die PlayStation 2. Was es jedoch ist, war für mich schnell klar: Wohl eines der letzten großen Rollenspiele für die PlayStation 2.

Rogue Galaxy [PS2 , looki.de]

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