Gesamtwertung78 %/10 |
Grafik7 Sound8 |
Lanzeitspaß7 Spieleinstieg9 |
Bedienung9 |
Ihr liegt mitten im Chaos, Euer Schädel brummt und Ihr fühlt Euch wie das letzte Häufchen Elend. Schreiende Menschen suchen verzweifelt einen Ausweg aus dem brennenden Inferno, was sich einst Empire City nannte - Dieses Szenario ist aber nicht das Nachbeben der Party von letzten Freitag Abend, sondern der Beginn des neusten Werks der Sly Raccoon-Macher von Sucker Punch. Wie nicht schwer zu erkennen ist, schlagen sie mit inFamous einen etwas anderen Weg ein und präsentieren Euch ein waschechtes Open World-Game rund um Strom geladene Superhelden. Wir denken, dass es eh schon längst an der Zeit gewesen ist, unserem geliebten Lebenselixier, dem guten, alten Strom Tribut zu zollen. Also lasst ihn fließen!
Die große Explosion ist nicht das einzige Problem, mit welchem die Stadt zu kämpfen. Schon seit längerer Zeit steht Anarchie hier im Vordergrund und eine mysteriöse Seuche sucht die Bewohner heim. Und als ob das nicht alles schon schlimm genug ist, wird die gesamte Stadt auch gleich noch von der Regierung unter Quaratäne gestellt und steht damit kurz vor ihrem Untergang. Doch wie es in einer solchen tragischen Geschichte kommen muss, kommt es natürlich auch - Cole überlebt die Explosion und findet schnell heraus, dass er auf unerklärliche Weise plötzlich über Superkräfte verfügt.
Genauer: Er kann sich die Elektrizität zu Nutze machen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob er die Stadt aus dem Sumpf ziehen oder er die Menschen unterjochen soll. Held oder Schurke? Soße oder Mayo? Jan oder Lars? Ihr seid am Zug.
In den ersten Minuten, die Ihr in Empire City umherirrt und Euch mit Euren neuen Fähigkeiten vertraut, kommt richtige Superheldenstimmung auf. Cole ist in der Lage, Blitze aus seinen Händen abzufeuern oder mächtige Stromstöße abzugeben, die ganze Autos mit Leichtigkeit durch die Lüfte wirbeln. Fast noch besser: Cole springt und klettert besser als jeder Affe.
Schlüssel in der Penthouse-Wohnung vergessen? Kein Ding - einfach schnell an der Fassade hochklettern und durch das Fenster das begehrte Utensil geschnappt. Die Klettersessions sehen nicht nur verdammt gut aus, sondern gehen dazu auch locker von der Hand. Dennoch musste man einige Kompromisse eingehen.
So hält sich Cole einfach überall fest, selbst wenn es gar nicht vorhat und sich lieber bei diversen Feuergefechten lieber fallen lassen möchte. Insgesamt kann man aber locker darüber hinwegsehen und erfreut sich daran, ohne großes Zutun schnell und locker durch die Stadt zu hopsen.
Zusammen mit seinem Kollegen Zeke erkundet Cole die Umgebung und sieht schon bald mit einer ersten moralischen Entscheidung konfrontiert. Eine abgeworfene Ladung Nahrung hat sich verfangen. Mit seinen enormen Kletter- und Springkünsten bereit er das Paket aus seiner misslichen Lage. Die Zivilisten freut sich wie eine Gruppe kleiner Kinder im Süßwarenladen. Hier wird der Spieler erstmals genötigt zu entscheiden, welchen Weg er einschlagen soll. Teilen oder den Kindern dann doch lieber den Lolly stehlen? Was sich auf Papier zwar recht nett anhört, verliert sich in der Praxis aber wieder recht schnell.
Das liegt vor allem daran, dass die Entscheidungen immer viel offensichtlich sind und man als Spieler - und soviel sei an dieser Stelle schon einmal verraten - im gesamten Spiel nie eine wirklich moralisch fragwürdige Entscheidung treffen muss, wie es beispielsweise in Fable 2 oder Mass Effect der Fall ist. Stattdessen werden die Entscheidungen davon geleitet, welche von Coles Fähigkeiten Ihr aufbessern wollt oder welchen Handlungsstrang ihr verfolgt. Im Grunde stellt das Karma-System keinen Fehltritt dar - im Gegenteil. Durch die verschiedenen Möglichkeiten, welche man in während einer Mission genießt, wird der Titel davor bewahrt, sich in der Shooter-Wüste zu verlaufen. Geht man ohne Rücksicht auf Verluste vor und mäht einfach alles weg, was nicht bei drei im Gulli verschwunden ist, oder achtet man darauf, so wenig Verluste oder kollaterale Schäden wie möglich verursachen? Wahre Helden werden von der Bevölkerung fotografiert, gefeiert und bejubelt. Sogar Poster werden von Euch in der Stadt aufgehängt und man fühlt sich immer gut, den Leuten etwas Gutes getan zu haben.
Ein wirklicher Samariter-Effekt stellt sich hier aber nicht ein und so rennt man durch die Straßen und heilt auf den Boden liegende Passanten nur als Mittel zum Zweck. Schließlich bekommt ihr für jede gute Tat neue Erfahrungspunkte gutgeschrieben, mit denen Ihr dann eure Fähigkeiten verbessern könnt. Je nachdem, ob Ihr den guten oder den bösen Weg verfolgt, wirkt sich dies auf die Wucht hinter euren Attacken aus, wobei Fieslinge weitaus mehr Schaden verursachen, aber beispielsweise weniger aushalten. Gute Jungs erfreuen sich hingegen an einer schnelleren Regeneration oder einen praktischen Energieschild.
Schnell macht ihr während Eures zwangsläufigen Urlaubs in Empire City Bekanntschaft mit den sogenannten Reapern, die die Stadt inzwischen an sich gerissen haben, dementsprechend zahlreich vertreten sind und von Euch scharenweise über den Jordan geschickt werden. Während der Kämpfe, den Euch hinter jeder Ecke erwarten, könnt Ihr Euch die Umgebung zu Nutze machen.
So könnt ihr beispielsweise an einem Mauer hängen und lässig herausschießen oder Blitze verteilen während ihr ein Rohr hinauf klettert. Während der meisten Missionen wird allerdings viel zu selten wirklich Gebrauch von diesem Feature gemacht, sodass man sich recht schnell nach ein wenig Abwechslung sehnt. Die kommt dann aber recht schnell in Form von neuen Fähigkeiten, die ihr durch das Absolvieren einiger Kanalisationsabschnitte erlangt. Bald schon kann Cole Blitzgranaten werfen oder Stromschläge über lange Distanzen samt Zoom- und Zeitlupenfunktion verteilen. Zum späteren Zeitpunkt kann er sogar schweben oder über Stahlseile und Schienen gleiten. Erst hier macht der Titel wirklich Spaß, weil man tatsächlich das Gefühl hat, ein überlegener Held zu sein, und fast völlige Bewegungsfreiheit genießt. Wenn ein der Reaper versucht, Euch mit einem Raketenwerfer aus dem Verkehr zu ziehen, Ihr ihm die Rakete mit einem Stromstoß mit einem müden Lächeln zurückschickt, kommt Freunde auf. Viel zu häufig wird man aber wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und erkennt seine Schwächen. So hält Cole nicht wirklich viel aus und muss sich oft hinter der nächsten Ecke verstecken und erstmal verschnaufen bevor weiter gebrutzelt werden kann.
Wem das zu lange dauert, kann einfach die überall in der Stadt verteilt Stromquellen wie Laternen, Autos, oder Stromkästen anzapfen, um seine Energie wieder aufzufrischen. Der Strom kommt allerdings nicht nur Eurer Gesundheit zu Gute, sondern lädt auch Eure Energie, die Ihr für die meisten Eurer Fähigkeiten braucht, wieder auf. Crank 2 lässt grüßen - Schade nur, dass die Ideen, wie Ihr Eure Energie wieder aufladet, nicht ganz so ausgefallen sind, wie im besagten Film. Da der Gute Cole ja ständig unter Strom steht, sollte er sich nicht unbedingt in Wasser steigen. Gemütliche Tage mit Freunden im Freibad fallen also flach. Ebenso scheint Cole auch keinen Führerschein und Angst vor Waffen zu haben. Gerade Letzteres ist schade. Blitze hin, Stromschläge her - nicht selten hat man in inFamous das Verlangen, mal wieder was Bleihaltiges abzufeuern. Entsprechende Möglichkeiten bieten sich an jeder Ecke an.
Insgesamt muss man leider anerkennen, dass inFamous auf Dauer einfach zu eintönig wird. Schnell hat man alle Fähigkeiten freigespielt und spätestens auf dem dritten von insgesamt drei freischaltbaren Abschnitten Empire Citys offenbart inFamous sein doch recht monotones Gesicht. Das liegt aber weniger an den Fähigkeiten, an denen man zum Einen sich schnell satt gesehen hat und zum Anderen selten überfordert eingesetzt werden müssen, sondern an dem monotonen Ablauf der Missionen. Die Varianten der Hauptmissionen lassen sich im Großen und Ganzen an einer Hand abzählen. Mal muss ein Gebiet von Feinden gesäubert werden, mal ein Gegenstand beschützt oder diverse Überwachungskameras von einer Häuserfassade gebrutzelt werden.
Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, wie beispielsweise eine Mission, in der Ihr auf einen Zug springt und ihn mit eurem Saft zu Ziel leiten müsst, letzten Endes aber dann doch zu wenig. Noch monotoner gestalten sich dann die Nebenmissionen, durch welche ihr Gebiete der Stadt vom nervenden Reaper-Gesindel befreien könnt. Gerade durch sein Missionsdesign verschenkt der Titel eine Menge Potenzial. Und dennoch hält der Titel auch langfristig bei Laune. Das Gameplay fesselt und es macht einfach eine Menge Spaß, mit einem Affenzahn über die Häuserdächer zu flitzen. Dazu kommt noch, dass die Story des Titel durchaus überzeugen kann. Die meisten Zwischensequenzen werden anhand cooler Comicszenen erzählt und versprühen dabei eine Menge Charme. Die Klasse der Story eines GTA IV erreicht inFamous aber leider zu gut wie keiner Zeit. Dazu fehlt es der Story einfach an Tiefgang und den Charakteren an Charisma. Ebenso mehr hätten wir uns auch in Hinsicht auf die im Spiel vorkommenden Endgegner gewünscht, die insgesamt zu unspektakulär in Szene gesetzt wurden und den Spieler nur bedingt fordern.
In technischer Hinsicht gibt es zwar viel zu loben, allerdings auch einige Unschönheiten zu bemängeln. Die grafische Präsentation bietet jede Menge scharfe Texturen und durchaus nette Explosions und Lichteffekte. Das Spielgeschehen läuft konstant flüssig und sieht einfach klasse aus. Bei Thema Animationen offenbart sich inFamous aber schnell als zweischneidiges Schwert. Wenn Cole flüssig und ästhetisch ein Haus erklimmt, kommt Freude auf. Aber gerade die Animationen in den Zwischensequenzen wirken sehr hölzern, künstlich und einfach nicht mehr zeitgemäß.
Ebenso haben Sucker Punch anscheinend die Antialiasing-Technologie verschlafen, denn die Treppchenbildung an sprichwörtlich jeder Ecke der Stadt sticht sehr negativ ins Auge.
Der Sound gibt kaum Anlass zur Kritik. Wenn Cole dem Saft erstmal freien Lauf lässt, kracht und zischt auf brachiale Weise aus Euren Boxen. Und auch die musikalische Untermalung ist stets passend gewählt geworden und passt hervorragend zum Spielgeschehen.
Lediglich die deutsche Synchronisation hätte weitaus besser sein können und zerstört teilweise viel der ansonsten sehr guten Atmosphäre des Titels. Aber kein Grund zur Sorge: Die Entwickler bestätigten bereits, dass man noch in dieser Woche ein Update veröffentlichen werde, welches die englischen Originalstimmen auch in der deutschen Version verfügbar macht.
Wart ihr schon mal im Bottroper Movie Park? Wenn man das erste Mal die Pforten passiert, hat man das Gefühl, dass etwas ganz Großes auf einen wartet. Alles wunderbar bunt und alle Menschen scheinen ein Lächeln auf den Lippen zu haben. Hier muss doch einfach einiges los sein. Nachdem man aber die ersten Fahrgeschäfte hinter sich hat, merkt man schnell, dass man im Prinzip alles schon mal gesehen hat und man sucht vergebens nach dem neuen Adrenalinkick. Ähnlich erging es mir auch bei inFamous. Eine vermeintliche riesige Stadt, in der ich mit Superkräften wüten und mich nach Herzenslust austoben kann? Her damit! Und ja, anfangs macht das Ganze auch eine Menge Spaß. Nur leider haben es die Entwickler nicht geschafft, auf Dauer für ausreichend Abwechslung zu sorgen. Schnell hat man alles gesehen und spielt zum wiederholten Mal den selben Missionstyp. Ziemlich traurige Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass die Story in inFamous eigentlich ziemlich mitreißend und motivierend ist. Ebenso schade ist es, dass das Karma-System relativ wenig genutzt wird und den Spieler zu keiner Zeit vor moralisch wirklich fragwürdige Entscheidungen stellt. Hier hätten sich die Entwickler Paradebeispiele wie Fable 2 oder Mass Effect als Vorbild nehmen müssen. Was bleibt, ist ein durchaus netter und optische hübscher Zeitvertreib, der das Warten auf Titel wie Prototype gekonnt versüßt, ohne dabei aber wirklich vollends überzeugen zu können.
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