Gesamtwertung70 %/10 |
GrafikUngenügend Sound8 |
LanzeitspaßMangelhaft Spieleinstieg8 |
Bedienung9 |
Gefühlte 90% aller Katastrophenfilm machen ihrem Namen zu viel Ehre: trashig, billig und schlecht gedreht kommt oftmals eine Katastrophe dabei heraus. Trotzdem keimt alle zehn Jahre eine neue Welle auf, weil die Michael Bays und Roland Emmerichs dieser Welt wissen, dass der Mensch bei Unglücken einfach nicht wegschauen kann. Warum also nicht ein Videospiel über eine Katastrophe programmieren? Die Idee klingt zunächst verlockend, entpuppt sich aber bei genauerem Hinsehen als spieltechnisch problematisch. Es ist schon für Filme schwer genug, ein entsprechendes Ereignis auf zwei Stunden zu strecken. Wie bitte schön soll mit solch einem Konzept ein knapp zehnstündiges Spiel aussehen, welches im Idealfall keine Längen besitzt? Monolith Soft, die Entwickler von Baten Kaitos und Xenosaga, versuchen trotzdem ihr Glück mit Disaster: Day of Crisis.
Raymond Bryce war mal ein richtig ambitioniertes Mitglied eines internationalen Rettungsteams. Sobald irgendwo auf der Welt eine Katastrophe ausbrach, waren er und sein bester Freund Steve immer einsatzbereit, um zu helfen. Doch dann gerieten die beiden bei einem Vulkanausbruch selber in Schwierigkeiten, was Steve das Leben kostete.
Geplagt von der Schuld versagt zu haben, zieht sich Raymond zurück und traut sich nicht einmal, den letzten Wunsch seines Kameraden zu erfüllen, nämlich ein Medaillon an seine Schwester zu übergeben. Ein Jahr später jedoch holt ihn das Schicksal ein: Die besagte Schwester wird von einer rebellierenden, militärischen Spezialeinheit namens SURGE gekidnappt. Gleichzeitig startet eine Serie von verheerenden Katastrophen, welche Blue Ridge City und Umgebung heimsuchen.
Genau das ist auch der Kniff, wie Monolith das anfangs erwähnte Problem umgehen möchte: Gebt dem Spieler nicht eine Katastrophe, sondern alle möglichen - Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche, Feuerstürme, Hurrikans. Euch bleiben eigentlich nur Meteoriten und das völlige Auseinanderbrechen der Erde erspart.
Nun ist diese Idee pfiffig, aber nicht minder gewagt. Mal ehrlich, wie viele Katastrophenfilme kennt ihr, die wirklich real wirken? Für all die genannten Dinge benötigt man eine entsprechend glaubwürdige Darstellung und ein professionelles Spezialeffekte-Team. Im Falle eines Videospieles wäre eigentlich eine Grafikpower strotzende Hardware vonnöten, doch Disaster: Day of Crisis gibt es ausschließlich für Nintendo Wii.
Die optische Präsentation hat ergo gar keine echte Chance, sich dem Thema entsprechend würdig entfalten zu können. Die Entwickler konzentrieren sich lieber auf ein abwechslungsreiches Spieldesign und möglichst viele Steuerungstechniken. Schnell wird euch klar, dass Raymond kein reiner Actionheld ist, sondern zum Retten geboren wurde. Mit einfachen Mini-Spielen, bei denen ihr angezeigte Kommandos per Wiimote und/oder Nunchuk nachahmt, befreit ihr unter Schutt eingeklemmte Erdbebenopfer, reanimiert bewusstlose Körper per Herzmassage oder stemmt über dem tiefen Abgrund hängende Menschen hoch auf den sicheren Boden. An anderer Stelle lauft ihr schlicht von A nach B, balanciert bei starken Windböen auf fußdick breiten Stahlträger herum oder löscht mit dem Feuerwehrschlauch die Flammen eines mehrstöckigen Hauses. Und natürlich dürfen die berühmt-berüchtigten QTE-Szenen nicht fehlen, in denen ihr im rechten Augenblick das angezeigte Kommando ausführen müsst, um wiederum eine besonders dramatische Szene unbeschadet zu überstehen.
Zwischen all diesen pazifistischen Tätigkeiten kommt die Action nicht zu kurz. SURGE ist nicht nur korrupt, sondern anscheinend auch wahnsinnig paranoid, weshalb sie euch immer mal wieder ein bis zwei Dutzend ihrer Mannen entgegenschickt. Diese Szenen erinnern fatal an Lightgun-Shooter der alten Tage, allen voran Time Crisis. Ihr könnt Raymond nicht bewegen, sondern nur von bestimmten Stellen aus auf eure Gegner schießen. Per Tastendruck nehmt ihr Deckung und per Nunchukschüttler ladet ihr nach. Zwischen den Kapiteln wählt ihr maximal vier Waffen aus, die ihr im Kampf einsetzen dürft. Mittels gesammelter Punkte baut ihr deren Effizienz aus und schaltet neue frei. Auch könnt ihr Raymond selber optimieren, von Standardattributen wie seine Kraft bis hin zu für Videospiele eher ungewöhnliche Eigenschaften wie seinen Stoffwechsel.
Monolith hat sich halbwegs bemüht, trotz der übertrieben inszenierten Schusswechsel, bei denen ein John McClaine keine Land sehen würde, Raymond irgendwie menschlicher als andere Spielehelden zu gestalten. Ihr müsst stets auf seine Ausdauer Acht geben, welche je nach Witterungsverhältnissen mehr oder weniger schnell abnimmt.
Ist sie bei Null angelangt, so verliert ihr kontinuierlich Lebensenergie. Zur Regeneration gibt es spezielle Medi-Kits oder Nahrungsmittel. Erstere dürft ihr im Inventar bunkern und zur gegebenen Zeit einsetzen, letztere verputzt Raymond an Ort und Stelle. Ihr ahnt sicherlich, dass genau hier der Stoffwechsel zum Einsatz kommt: Je höher ihr diesen "trainiert" habt, desto mehr Ausdauer erhält Raymond zurück. Zu guter Letzt lauft ihr bei staubiger Luft Gefahr, eure Lungen zu zerstören. Zur Reinigung reicht es ein paar mal an einem klaren Ort, wie beispielsweise ein überdachtes Gebäude oder unter einem blühenden Baum, saubere Luft einzuatmen.
Soweit zu den Fakten, nun folgt die unbarmherzige Analyse: "Disaster - Day of Crisis" ist beileibe kein schlechtes Spiel, aber sehr wohl eines mit vielen verschenkten Chancen. Neben der überforderten Hardware sticht vor allem die voller Klischees überquellende Story unangenehm hervor. Allein der Prolog, in dem ihr Steves Schicksal erleben dürft, besteht genau aus den unglaubwürdigen Dialogen und Hollywood-Blockbuster-typischen Zufällen, jene das Genre der Katastrophenfilme seinen schlechten Ruf verdankt.
Dies zieht sich über das gesamte Spiel, wobei vor allem SURGEs völlig übertriebene Hetze gegen Raymond nie wirklich erklärt wird. Dazu kommen regelrecht idiotische Kommentare, wie beispielsweise das Steves Schwester in einer Zwischensequenz Raymond als "Killer" ihres Bruders bezeichnet. Diese völlig übertriebene Verdrehung der Wahrheit wird nicht ein einziges Mal aufgegriffen oder gar geklärt. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass die deutschen Untertitel von einem milderen "auf dem Gewissen haben" sprechen. Abwechslungsreich ist der Mix aus viel Action, viel Geschicklichkeit und wenig Adventure in jedem Fall. Doch der spielerische Nährwert der meisten Elemente ist eher dünn und erinnert an Mini-Spielesammlungen. Immerhin hat es Monolith verstanden, ein Grundgerüst in Form einer (wenn auch schwachen) Story drum herumzubasteln. Aber erwartet kein großes Taktieren oder gar außergewöhnliche Aufgaben. Die Kapitel sind stocklinear und die Anzahl der optional zu rettenden Personen könnt ihr jeweils an einer Hand ablesen. Ganz nebenbei erwähnt leidet darunter auch die Glaubwürdigkeit der Spielwelt, weil abseits von Zwischensequenzen kaum jemand panisch herumläuft und praktisch keine für das Spieldesign "unwichtigen" Charaktere zu sehen sind. Dafür entsteht der Eindruck, die riesige Metropole beherbergt weniger als hundert Einwohner und über tausend SURGE-Soldaten.
Einen überraschend netten Eindruck machen die Fahrsequenzen sowie allgemein die Steuerung. Bei einer Herzmassage bewegt ihr die Wiimote im Takt kurz runter und wieder rauf. Steht Raymond in Flammen, so müsst ihr das Nunchuk schnell schütteln. Sollt ihr ein Opfer retten, welches über einem tiefen Abgrund hängt, dann müsst ihr die Wiimote genau dann schwenken, wenn es einen seiner Arme nach euch streckt. Völlig öde hingegen sind sämtliche "Rätsel", bei denen ihr gelangweilt nach Gegenständen sucht und diese irgendwo einsetzen müsst. Diesen Pseudo-Adventurepassagen fehlt jeglicher Anspruchs-Ansatz und sie können nicht im Entferntesten mit den Genregrößen mithalten.
Als heimlicher Fan von Katastrophenfilmen, zumindest wenn diese gut inszeniert sind, hat mich das Konzept von "Disaster - Day of Crisis" sofort interessiert. Doch warum jene Entwickler, welche mit der "Xenosaga"-Trilogie eine überaus epische Geschichte schreiben konnten, sich hier so sehr in die Klischeekiste vergraben, ist mir unbegreiflich. Des weiteren möchte ich solch ein Spiel lieber mit Grafikpower erleben anstatt mit Wiimote-Gimmicks. Diese werden immerhin dem Genre-Brei gerecht, weshalb ich die laue Spieltiefe gerne verzeihe. Ich müsste jedenfalls lügen, wenn ich behaupte, dass mir "Disaster" keinen Spaß gemacht hätte. Aber aus dem Konzept eines Katastrophenspieles lässt sich sicherlich mehr herausholen.
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Disaster: Day of Crisis im Test.
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