GC09: Blur
Mario Kart hat in all den Jahren spaßiger Dominanz eine große Schwäche: Die Rennen fanden nie außerhalb von Nintendos Konsolen statt. Seither hat es viele Versuche gegeben, Mario und seine Freunde auf anderen Plattformen realitätsnäher zu kopieren. Und das war auch das Problem: Es handelte sich lediglich um Kopien, die das Original nie das Wasser reichen konnten. Nun schickt sich "Blur" an, mit ähnlichem Spielprinzip, realistischer Optik und einiger frischer Ideen den König aller Arcade-Racer vom Thron zu stoßen. Gut anschnallen, es wird hart geschossen.
Project Mario Kart Gotham Racing?
Der Entwickler Bizarre Creations, der sich für das Xbox 360-exklusive Rennspiel Project Gotham Racing verantwortlich zeigt, überraschte auf der GC mit dem Acrade-Racer Blur, welcher sich verdächtig nach Mario Kart anfühlt. Mit allerhand Waffen und Power-Ups, die im Gegensatz zum großen Vorbild sichtbar auf den Rennstrecken eingesammelt werden können, wird den Gegnern das Fahrvergnügen schwer gemacht.
Im richtigen Moment eingesetzt kann man sich damit einen erheblichen Vorteil verschaffen und selbst fehlendes Fahrgeschick gekonnt ausgleichen. Das Repertoire reicht dabei von Raketen, Minen, EMP-Laser, Schutzschilden bis hin zu Boosts. Besonders interessant ist hierbei das Feature, die Feuerkraft während des Rennes zu steigern, indem man beispielsweise zweimal über das EMP-Laser-Upgrade fährt. Dadurch hätte der schießwütige Fahrer die Wahl, die beiden Laser nacheinander einzeln abzufeuern oder zusammen eingesetzt zu einem größeren Strahl zu bündeln.
Doch das ist nicht die einzige taktische Raffinesse. Landet man mehr oder weniger zufällig kurz hintereinander mehrere Treffer, erhöht sich kurzfristig ein Multiplikator für künftige Waffen und Power-Ups wie Schilde oder Boosts, die spektakulärere Aktionen ermöglichen.
Für gute Fahr- und Schießmanöver gibt es zusätzlich Geld, das in stärkere Upgrades gesteckt werden kann. Jeder ist also seines eigenen Glückes Schmied.
Einmal um die Welt
Anscheinend schreiben die Entwickler das Wort Abwechslungsreichtum groß. Nun, das machen die Gesetze deutscher Rechtschreibung zwar auch, aber bei Spieleentwicklern ist dieses Verhalten wirklich praktisch. Dies führt unter anderen zu unterschiedlichen Rennstrecken wie die Straßenralley durch den schäbigen Londoner Stadtteils Hackney, das kalifornische Wüstenrennen oder die flotte Fahrt durch Barcelona. Abwechslung verspricht auch die Auswahl aus 50 lizenzierten Vehikeln. Im BMW einen Ferrari jagen? Wetten, wie weit ein halber Chevrolet Camaro SS fliegen kann? Kein Problem. Bis zu 20 waghalsige Rennschießfahrer können sich auf den Strecken gleichzeitig gegenseitig die Autos zerbeulen, was in der momentanen Version bereits einen Heidenspaß bereitet und in Zukunft wohl für viele zerbrochene Freundschaften sorgen wird. Cool.
Revolutionär erscheint die Idee, mit dem Spiel eine Geschichte zu erzählen. Dies geschieht nicht direkt durch Zwischensequenzen wie bei Need for Speed oder DTM Race Driver, sondern durch das an Facebook erinnernde Netzwerk "Blurb", dem jeder Blur-Rennfahrer zugehörig ist. Damit wird das Spielerlebnis sowohl ingame, als auch im echten Internet organisiert, indem man sich mit anderen Fahrern zu Rennen verabredet. Im Rennen schickt dann jeder Teilnehmer (auch die KI) Botschaften umher, die die Hintergrundgeschichte erzählen sollen.
Wie im wirklichen Facebook können Gruppen gegründet, Profile bearbeitet und Errungenschaften veröffentlicht werden. Wenn dies alles funktioniert wie geplant, wäre Blurb im Grunde eine gesunde Kombination aus Story, Multiplayer-Filter und Optionsmenü. Schließlich lassen sich darüber sämtliche Einstellungen eines Rennens (schwache Schilde, nur bestimmte Waffen usw.) vornehmen. Damit könnte Blurb ganz nebenbei auch durch seine Vernetzung mit dem Internet ein gesunder Kopierschutz werden.
Ersteindruck
Blur ist für mich die Überraschung der gamescom 2009. Eigentlich habe ich den Titel nicht wirklich auf dem Schirm gehabt und wurde doch innerhalb von Minuten mitgerissen. Viele mögen Blur als "Mario Kart für Erwachsene" bezeichnen, was ich nicht ganz teilen mag. Ich fühle mit meinen 24 Jahren sehr erwachsen und fahre trotzdem gern mit Marios Freunden um die Wette. Das liegt sicherlich nicht an der kindgerechten Grafik, sondern vielmehr an der ausgefeilten Spielmechanik, die einen ewig zu begeistern vermag. Dieses unbeschwerte Spielerlebnis ist ein Punkt, an dem sich Blur messen lassen muss. Die Grundidee, ein realistisches Mario Kart zu schaffen, mag noch so gut sein, bringt aber nichts, wenn das Rennvergnügen auf der Strecke bleibt. Blur hat sehr gute Ansätze, muss aber den nachhaltigen Spielspaß erst noch beweisen.
Alte, mittlerweile weise Rennfahrer benutzen gerne den Ausspruch: "Wichtig is auffe Strecke". Und da ist irgendwie etwas Wahres dran.





