Brütal Legend
Wie oft hat der Metal die Welt eigentlich schon gerettet? Selbst Stephen Hawking könnte die immense Summe wohl nicht in seinem Kopf zusammenrechnen. Allein, wenn man darüber nachdenkt und alt genug ist, schallt einem ein "Volle Kanne, Hoschi!" durch den Schädel. Tim Schafer, den meisten wohl als durchgeknallter Kopf an der Seite von Ron Gilbert bei "Monkey Island" oder auch kreativer Entwickler von Klassikern wie "Day of the Tentacle", "Full Throttle" und "Grim Fandango" bekannt, hat eine neue Metalgeschichte in der Veröffentlichungsröhre. Natürlich an keiner Stelle ernst, dafür durchgehend mit trockenem Humor gewürzt. Wir waren in London und haben uns mit "Brütal Legend" einen Titel angeschaut, der wohl schon jetzt zu meinen Highlights 2009 gehört.
Kennt Ihr Eddi?
Mit "Brütal Legend" geht für Tim Schafer ein lange gehegter Traum in Erfüllung, verriet er uns. Schon früh hat er Bands wie "Black Sabbath" oder "Iron Maiden" gehört und war immer wieder von den coolen und kreativen Covern der - damals noch - recht großen Scheiben fasziniert.
Und ja, er hört noch heute diese Musik, sagt er. Was liegt da also näher, als endlich mal ein wirklich cooles Spiel auf den Markt zu bringen, dass weder allzu trashig noch komplett ohne Innovation daherkommt und aussieht, wie das Cover einer Metalband? Nichts, denn Schäfer hat es gemacht. In London sperrte man ein nicht kleines Publikum mit ihm in einen Raum und schaltete den großen Fernseher an, auf dem uns "Brütal Legend" quasi vorgespielt wurde.
Ausstaffiert mit Flightcases und sonstiger Requisiten aus dem Musikbusiness starteten wir in dem Präsentationszimmer unsere Reise in eine andere Welt. Denn genau hierhin hat es Eddie Riggs verschlagen. Wer Eddi ist? Eddi ist der erste, den man ruft, wenn eine Gitarre gestimmt oder eine Bühne aufgebaut werden muss. Denn Eddi ist mit Leib und Seele Roadie, heute würde man wohl eher Veranstaltungstechniker sagen - und zwar der größte aller Zeiten. Er hat eine Vorliebe für Hot Rods, kennt jedes Metal-Cover und die Texte der Bands. An dieser Stelle sei angemerkt, dass auch das Maskottchen der Band "Iron Maiden" Eddi heißt.
Böse Gürtelschnalle
Eines Tages wird er bei einem Unfall auf der Bühne bewusstlos. Dabei tropft ihm Blut auf die Gürtelschnalle, die er von seinem Vater bekommen hat. Ihr könnt es Euch denken: Das Drama nimmt seinen Lauf. Logischerweise transportiert ihn die verfluchte Gürtelschnalle in eine andere Welt - das altertümliche Reich des Metals. Als Eddi wieder zur Besinnung kommt, weiß er anfangs nicht wirklich, was geschehen ist. Eine Horde Druiden wollen ihm ans Leder und so sieht er sich gezwungen, den Seperator zu nehmen, der einfach so herumsteht. Mit dieser mächtigen Axt erleichtert er den ersten der recht quirligen Druiden seines Lebens.
Kurz darauf findet er noch Clementine, in der realen Welt eine einfache Gitarre, hier aber ein mächtiges Zauberinstrument. Wir erfahren: "Sie hat Powercords drauf, die so deftig sind, dass sie die Welt erbeben lassen." Dann ist ja alles klar, einmal in die Saiten gegriffen und schon wieder fällt eine Riege Druiden um.
Langsam bemerkt Eddi, dass diese Umgebung nicht die gewohnte ist. Er befindet sich in einer Metal-Welt und Eddi quittiert diese Erkenntnis mit einige markanten Sprüchen. Und das ist kein Traum, denn das Blut und die abgetrennten Köpfe der Druiden sehen ziemlich real aus.
Jack is back!
Habe ich Euch schon gesagt, wer Eddi seine Stimme leiht? Jack Black ist dafür zuständig, dass fast jeder Spruch, den wir gehört haben, extrem gut sitzt. Black war selbst an der Entwicklung beteiligt und so kommt es nicht von ungefähr, dass Eddi Riggs auch optisch leichte Ähnlichkeit mit dem US-amerikanischen Schauspieler und Frontmann der Band "Tenacious D" hat. Nun hat der Roadie aber ein Problem: Er steht auf einem Riesigen Berg aus Knochen und Schädeln und weiß nicht, wie er herunter kommen soll. Kurzerhand steigt er auf einen anfangs kaum als Transportmittel zu erkennendes Ding und fängt an, ein Stoßgebet an die Metal-Götter auszusenden.
Das Gefährt kommt plötzlich in Fahrt, nur um kurze Zeit später endgültig zusammenzubrechen und Eddi gleich in den nächsten Kampf zu verwickeln. Als er erneut gegen ein paar Gegner vorgeht, hätte er einer als Druide verkleideten Dame beinahe den Kopf vom Torso geschnitten. "Oh Mann, jetzt sag mir nicht, dass ich die ganze Zeit geile Frauen erschlagen habe", kommentiert Eddi, als er Ophelia das erste Mal sieht. So heißt seine erste Verbündete, mit der später auch Team-Manöver möglich sind. Fünf Minuten sind zwar gerade erst gespielt, aber bis jetzt saß jeder markante Einzeiler des kräftigen Roadies.
Gitarren für die Welt
Inzwischen beherrscht Eddi seinen Sechssaiter schon ganz gut. Mit Clementine ist es ihm möglich, magische Angriffe zu vollführen. Kaum in die Saiten gegriffen, das ein oder andere Solo gespielt, und schon fallen die Gegner, als hätten sie Ozzy Osbournes heutige Statur und würden von einem Hammer im Vollsuff getroffen. Die Spanne an Möglichkeiten reicht von einfachen Angriffen wie einem Blitzgewitter mit einem Knopf bis zu aufwändigeren Attacken. Je länger Ihr spielt, desto mehr Soli beziehungsweise Angriffe werdet Ihr im Verlauf von "Brütal Legend" erlernen und äußerst bildgewaltig ausführen können. Strahlen, Funken, Feuer, alles ist dabei. Während Ihr also Clementine nutzt, um auch aus der Ferne angreifen zu können, steht Euch für den Nahkampf primär der mächtige Seperator zur Verfügung, mit dem Eddi bereits anfangs recht gut umzugehen weiß. Glücklicherweise wechselt Eddi zwischen beiden "Waffen" blitzschnell. Relativ früh habt Ihr mit dem "Earthshaker" auch schon die erste Kombo raus. Dazu müssen einfach sowohl der Axt- als auch der Gitarren-Button gedrückt werden und schon wackelt die Erde.
Was ist hier los?
Aber zurück zu unserem Abenteuer: Es stellt sich heraus, dass wir noch längst nicht alles gesehen haben. Der Anfang von "Brütal Legend" hat noch sehr viele Gegner mehr zu bieten. Und da wir sie nicht alle einzeln spalten oder kaputt-musizieren wollen, bastelt Eddi sich kurzerhand einen knackscharfen Hot Rod mit Namen "Deuce" (Teufel). Dieser wird später übrigens Euer bevorzugtes Fortbewegungsmittel über längere Distanzen. Ihr erlernt bereits nach kurzer Spielzeit ein Solo, mit dem Ihr ihn immer wieder beschwören könnt. Im späteren Spielverlauf werdet Ihr die Karre auch beispielsweise mit einem Maschinengewehr aufwerten können.
Als die heiße Rockgöre Ophelia neben uns im scharfen Gefährt sitzt und fragt, ob wir wirklich gekommen sind, um die Welt zu retten, meint Eddi trocken: "Hab ich so noch gar nicht drüber nachgedacht, aber das scheint eine gute Erklärung für das hier zu sein". Der Deuce nimmt Fahrt auf und begräbt haufenweise Gegner unter seinen verchromten Felgen. Unser Ziel? Erst einmal die Horden von Kreaturen und dann in Richtung des Lagers der Widerstandskämpfer, zu denen auch Ophelia gehört.
Der Widerstand wächst
Inzwischen wissen wir immerhin, dass der böse Imperator Doviculus gemeinsam mit seiner Dämonenarmee alle Menschen versklavt hat. Alle? Nein, natürlich nicht. Doch erst einmal im Lager der Aufmüpfigen angekommen, verspüren wir eine leichte Ernüchterung. Die Truppe der Widerstandskämpfer besteht gerade mal aus insgesamt drei Leuten. Zum einen ist das der charismatische Anführer Lars Halford, der in seiner ersten Szene auf einem riesigen Schwert aus Stein steht und der geborene Frontmann ist, dazu noch seine Leder-Schwester Lita und natürlich die mysteriöse Ophelia auf unserem Beifahrersitz.
Wie nicht anders zu erwarten war, hören wir die Prophezeiung von einem Krieger, der einst in die Welt treten soll, um diese gehörig zu beeinflussen. Problematisch ist nur, dass unklar ist, was der Krieger genau machen wird: Entweder wird er "uns zerstören" oder "uns dienen", "da gibt es einige Probleme bei der Übersetzung", meint Lars.
Spontan bietet er uns darauf die Führung der "Widerstandsarmee" an, was wir aber dankend ablehnen. Schließlich ist er der Führer und die Kämpfer bräuchten lediglich jemanden, der Dinge organisieren kann: Genau, einen richtigen Roadie.
Warum in dem Lager nur noch drei Leute leben? Weil der böse General Lionwhyte, übrigens gesprochen von "Judas Priests" Rob Halford, die Einwohner dazu versklavt hat, Steine mit dem bloßen Kopf aus der Wand zu kloppen. Unsere erste, wirkliche Aufgabe besteht darin, die Menschen zu befreien. Doch als wir dort ankommen, bietet sich uns eine gar düstere Kulisse:
Hunderte von Headbangern hauen ihre Schädel gegen den Stein, weil sie kein Werkzeug haben. Dadurch besitzen sie immense Nackenmuskeln, wirken aber leicht zurückgeblieben. Lars fragt uns noch: "Was willst Du mit einem Haufen Leute machen, die nur wissen, wie man den Kopf nach unten und oben bewegt?" Unsere klare Antwort: "Man startet eine Revolution!" Und so ist auch die folgende Abfrage, was als nächstes zu tun ist bzw. ob man die Mission annehmen möchte: "Starte die Revolution" mit den Möglichkeiten "Jetzt" oder "später"?"
Harter Stoff
Ihr seht schon, es sind vielleicht gerade mal 30 Minuten gespielt. Und es ist bereits einiges passiert. Nachdem wir die Headbanger gerettet haben, schließen sich uns einige an, andere verhalten sich loyal gegenüber dem General und erneut bricht ein Kampf aus. Nachdem auch dieser in bester Hack&Slay-Manier beendet ist, sehen wir noch den Tourbus, den unsere kleine Armee an Headbangern bekommt und den wir bei einem kleinen Ausflug mit unserem Hot Rod verteidigen müssen. Hier warfen wir erneut einen Blick auf die offene Umgebung und sahen, dass wirklich sehr viele Ecken der Welt wie das Cover eines Metal-Albums aussehen. Dann endete die Präsentation leider.
Aber wo wir gerade bei dem Punkt sind: Ist das Spiel eigentlich nur etwas für Menschen, die in den Achtzigern lange Haare hatten, sich Nieten und Patches auf Ihre kaputten Jeans-Jacken haben machen lassen und Pentagramme oder Eiserne Kreuze trugen? Keineswegs, verrät uns Tim Schafer. Zwar werden Freunde der eisernen Musik sicherlich über einige Details mehr lachen können, doch richtet sich der Humor im Allgemeinen an Menschen, die mit Tim Schafer-Spielen, Jack Black oder allgemein mit durchgeknallten Storys etwas anfangen können.
Leider erfuhren wir nicht viel über den Mehrspieler-Part. Bislang ist nur klar, dass dieser actionlastige Kämpfe mit strategischen Elementen verknüpfen soll, anhand derer eine Armee in einem "Kampf der Bands" gesteuert wird.
Ersteindruck
"Brütal Legend" hörte sich bei der Veröffentlichung der ersten Informationen schon witzig an, wer es aber erst einmal gesehen hat, wird sich an vielen Stellen sicherlich kaputt kringeln. Die vielen liebevollen Details, welche die leicht comichafte Welt mit den eisernen Kreuzen und Steinschwertern verschönern, die Story rund um den bösen Imperator und die dezimierten Widerstandskämpfer mit haushohen Nackenmuskeln, der absolut abgefahrene Soundtrack mit Anleihen von AC/DC oder auch Judas Priest, die Vertonung durch Legenden wie Lemmy (Motörhead), Rob Halford und natürlich Jack Black und der absolut trockene Humor haben uns überzeugt. Gar nicht mal, weil ich selbst einst viel Metal gehört habe, sondern weil alles trotz imposantem Genremix stimmig und richtig wirkt.
Optisch leistet das Third-Person Action-Adventure zwar keine Höchstleistung, doch sehen die 64 Quadratkilometer offene Fläche immerhin recht gut aus. Leider konnten wir den Controller nicht selbst in die Hand nehmen, um in die Haut von Eddi zu schlüpfen, aber das, was wir gesehen haben, ließ uns erinnern, lachen und vor allem freudig auf den Tag im Herbst warten, an dem der Titel herauskommt. Leider wollte uns Tim Schafer noch nicht erzählen, wie es genau um den Mehrspieler-Modus bestellt ist, der aber sicher enthalten sein wird. Ich hätte zu gern ein "sehr gut" gegeben. Doch vorher will ich den Titel anspielen und mehr über den Multiplayer-Part hören oder besser noch sehen.









