Call of Juarez: Bound in Blood

Preview
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Ubisoft
Entwickler
Techland
Erscheinungsdatum
-
Genre
Action
Call of Juarez: Bound in Blood

Call of Juarez: Bound in Blood

"Komm hol' das Lasso raus, wir spielen Cowboy und Indianer!" Nein danke, Herr Olaf Henning. Denn gerade die Sache mit dem Lasso hat uns im Wildwest-Shooter Call of Juarez den letzten Nerv geraubt. Mit dem jungen Billy ging es beispielsweise im zweiten Level mehrmals in gar nicht so einladende Abgründe - nur weil die Steuerung uns wieder einmal einen Strich durch die Rechnung machte. Wir haben wirklich oft in den Pferdehintern gebissen, aber dann war ja noch der Shooter-Part mit dem gar nicht so heiligen, rachsüchtigen Priester Ray, der schon weitaus mehr Laune machte. Und dann noch diese ständige Katz-und-Maus-Jagd. Und diese Umgebungen. Und dieses noch relativ unverbrauchte Setting. Herrlich. Da wünscht man sich schon gerne einen Nachfolger - und genau den haben wir für Euch einem ersten Blick unter der Lupe unterzogen.

Die Ein-Mann-Armee im Bürgerkrieg

Der Sezessionskrieg hinterließ tiefe Narben: Knapp 650.000 Menschen fielen sowohl auf Seiten der Nord- und Südstaatler gewaltsamer Plünderung und Gewehr-

und Kanonenschüssen zum Opfer - auf dem Land und auf hoher See. Auch Bound in Blood macht Gebrauch vom knapp vier Jahre andauernden Bürgerkrieg. Er thematisiert ihn nicht, sondern strickt sich seine ganz eigene Storyline. Waren es im ersten Teil noch Pfarrer Ray und der junge Mexikaner Billy, die vom Spieler gesteuert werden konnten, sind es nun die Gebrüder McCall. Thomas und Ray - sowie ein dritter, noch junger Bruder, der allerdings nur in Cutscenes zu sehen ist - sind eng verschweißt, stellen gleichermaßen Familie und Blut des Bruders über alles andere, sollen aber bald an einem Punkt ankommen, an dem die gelegentlichen auftretenden Zwists zwischen beiden völlig aus dem Ruder laufen. Daraus macht der Titel von Anfang an kein Geheimnis. Ray zielt mit einem Colt auf Thomas, der Dritte im Bunde versucht verzweifelt, zu schlichten. Geht es um eine Frau? Geht es ums große Geld? Oder um Verrat? Das Bild wird schwarz. Ein Schuss fällt. Was genau geschehen ist und warum die Brüder hier und da aneinander raten, verraten wir nicht. Nicht nur, weil wir Euch den Spaß nicht verderben wollen, sondern auch, weil uns einige Details selbst noch nicht bekannt sind.

Stattdessen blenden wir und würden am liebsten selbst gleich den Kopf in Deckung bringen. Angreifende Yankees wollen abgewehrt, Scharfschützen ausgeschaltet werden. Um uns herum tobt eine erbitterte Schlacht. Kanonen blasen uns braune Erdstücke um die Ohren, manche unserer Konföderiertenbrüder haben bereits das virtuelle Leben aushauchen müssen. Und obwohl wir hier im Verbund auftreten, erscheint uns das ganze Gefecht irgendwie zu sehr nach dem "Ein-Mann-Armee"-Schema abzulaufen. Kugelkanonen werden bemannt, um ankommende Yankee-Boote in die Luft zu jagen, Maschinengewehre dienen dagegen zur Dezimierung des Fußvolkes. Action in allen Ehren - aber sowas hat im Setting des Bürgerkrieges nichts verloren.

Hier wirkt auch der Konzentrationsmodus, den Ihr mit Abschüssen aufladen könnt, etwas fehl am Platze: Bei beiden Protagonisten - zwischen denen Ihr Euch vor Beginn einiger Missionen entscheiden könnt - läuft das Geschehen dabei in Zeitlupe ab.

Spielt Ihr als Ray, lenkt Ihr mittels Analogstick ein Fadenkreuz über den Screen und könnt so hell schimmernde Gegner markieren - auch gerne mehrfach und an verschiedenen Körperstellen. Ist Eure Konzentrationszeit abgelaufen, ballert Ray automatisch alle markierten Schergen über den Haufen. Als Thomas beweist Ihr Euch als flinker Colt-Held: Befinden sich in Eurer Nähe Gegner, haltet Ihr den rechten Throttle gedrückt um zum Abzug zu greifen und dann alle Feinde wie gehabt auszumerzen.

Eine nette Idee, die aber nur selten wirklich effizient genutzt werden kann. Zumeist habt Ihr entweder keine nötige Power für den Konzentrationsmodus und wenn doch, befinden sich dann ausgerechnet zu wenig Gegner auf dem Bildschirm, für die sich das Verpulvern des eh schon im Hintergrund drängelnden Modus sowieso nicht lohnen würde.

Action am laufenden Band

Auch an anderer Stelle verschenkt Call of Juarez: Bound in Blood noch zuviel Potenzial und damit meinen wir gerade Dialoge und Dramatik: Bisher werden die Cutscenes und selbst die Ballereien von einer größtenteils miesen deutschen Synchronisation so zurecht gestutzt, dass selbst das Ableben der Mutter und die Zerstörung des eigenen Elternhauses mal so "im Vorbeigehen" beweint werden darf. Hier fehlen eindeutig Akzente und vor allem gute Stimmen - da ist es uns herzlich egal, dass die Haltung der vom Krieg gezeichneten Brüder wohl bewusst als "kalt" und "kompromisslos" kommentiert wird. Wer es schon riskiert, als Deserteur am Galgen zu hängen und stattdessen den Heimweg antritt, um Mutter und Bruder vor den durchs Land wütenden Yankees zu retten, kann nicht am Sterbebett der erschossenen Erzeugerin stehen, wie einer von zehn Discobesuchern, die vor der Toilette eine Warteschlange bilden.

Und dabei sind die Gefechte doch so ordentlich gestaltet und die Außenareale traumhaft schön: Mit doppelten Colts, doppelläufiger Schrotflinte und Dynamit zu agieren, macht schon jetzt einen Heidenspaß und sieht zudem noch fantastisch aus - wenn man mal von den eher monotonen Bewegungsabläufen und emotionsarmen Gesichtsausdrücken sämtlicher Beteiligten absieht. Dabei können - wie bereits erwähnt - Geschütze bemannt werden oder spezielle Kisten als Todesbeschleuniger herangezogen werden. In punkto Abwechslungsreichtum macht Bound in Blood schon jetzt alles richtig:

Ob wir nun mit Kanonen einen Dampfer in Schutt und Asche legen, Dynamit an Brückenpfeilern verteilen, um danach die wundervolle Explosion bewundern zu können, oder uns in eine bemannte Kutsche setzen, um berittene Angreifer aufzuhalten, bisher macht alles davon wirklich Laune.

Zwischendurch gibt es immer mal wieder Colt-Duelle, in denen Ihr mit dem Analogstick im richtigen Moment die Hand zum Halter bewegen und abdrücken müsst, um nicht selber Staub fressen zu müssen. Duelle klingen zwar ziemlich nach einem der vielen Klischees, die mit dem Wildwest-Szenario so eng einher gehen wie Victoria mit David Beckham, und mögen - wie auch ein Großteil der Dialoge - definitiv Klischees sein, können den ordentlichen Unterhaltungswert aber auch nicht abgesprochen bekommen. Und das berühmte Kletterseil ist auch wieder mit von der Partie. Aber längst nicht mehr so exzessiv wie noch im Vorgänger und nicht so störend. Und vor allem nicht in den Abgrund führend.

Ersteindruck

Recht viel Vorab-Kritik und doch ein guter Ersteindruck? Richtig gelesen: Call of Juarez: Bound in Blood macht einem mehr als geübten Zocker wie mir ziemlichen Spaß, punktet mit teils traumhaft schönen Außeanarealen, einer ordentlichen Ladung Action und einer vielversprechenden Story. Und doch verhalten sich einige Ecken und Kanten des Titels wie das berühmte Salz in der Suppe: Ein wenig geht die Atmosphäre schon flöten, wenn ich dem zigsten Gegner eine ordentliche Kelle Blei spendiere und meine Leistung dafür bei mindestens jedem zweiten Bildschirmtod mit einem "Aaaah!" und "Eiiiiii!" quittiert wird. Auch die arg unterdurchschnittliche deutsche Synchronisation gießt da noch zusätzlich Öl ins Feuer und wirkt nicht selten spürbar unharmonisch zum jeweiligen Geschehen.

Dennoch belasse ich es bei einer 2 mit einem DICKEN Minus: Zu gespannt bin ich auf den Mehrspielermodus, da ich auf eine Steigerung in Hinblick auf den Erstling warte, der mir diesbezüglich mit zuviel ungenutztem Potenzial veröffentlicht wurde. Dabei bietet sich das Setting doch geradezu für coole Duelle und Coop-Schießereien an. Hoffentlich packt Ubisoft auch gleich noch eine optionale englische Sprachausgabe mit auf den Datenträger - ansonsten geht mir selbst der Tod der eigenen Mutter am Hinterteil vorbei.

Call of Juarez: Bound in Blood

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