Gesamtwertung87%/10 |
GrafikGut SoundSehr gut |
LanzeitspaßGut SpieleinstiegGut |
BedienungGut |
Nach Blue Dragon ist mit Lost Odyssey inzwischen das zweite Rollenspiel der Mistwalker Studios im Handel erhältlich. Im Gegensatz zu besagtem Erstlingswerk kommt Lost Odyssey allerdings deutlich erwachsener daher. Final Fantasy-Vater Hironobu Sakaguchi geht mit dem neusten Titel allerdings keine neuen Wege, sondern hält sich strikt an alte Tugenden. Dementsprechend erinnert das Spiel mit seinen Gameplay-Elementen frappierend an den zehnten Teil der Final Fantasy-Serie. Das wird den Einen freuen, den Anderen aber vielleicht abschrecken. Was genau erwartet euch aber in Lost Odyssey? Dies und mehr klären wir für euch in unserem Test!
Es kann nur einen geben!
Kaim Argonar ist unsterblich. Von einem Zauber belegt kämpft er sich seit Hunderten von Jahren als Söldner von einem Schlachtfeld ins nächste. Doch seit einiger Zeit leidet er unter Amnesie und kann sich nicht an seine Vergangenheit erinnern. Das Einzige, was Hinweise auf seine Vergangenheit geben könnte, sind Kaims Träume.
Diese sind allerdings so grausam und traurig, so dass er seine Vergangenheit lieber verdrängen möchte, als mit ihr konfrontiert zu werden, für den Fall, dass sie wirlich der Realität entsprechen. Die Welt, in der sich Kaim bewegt, ist geprägt von einer magisch-industriellen Revolution, die inzwischen seit einigen Jahrzehnten andauert. Die Bevölkerung hat sich die Magie zu Nutze gemacht und mit ihr mächtige Maschinen geschaffen. Mit dem Bestreben nach Macht auf allen Seiten ist eine Sache auch in der Welt von Lost Odyssey unvermeidbar: Krieg.
Genau hier startet das Spiel. In einer epischen Schlacht zwischen den beiden Nationen Uhra und Gothza seid ihr mittendrin und nehmt aktiv an den Kämpfen teil. So werdet ihr hier erstmals mit dem Kampfsystem vertraut gemacht. Anders als in Final Fantasy XII werden die Kämpfe wie in alten Tagen rundenbasierend ausgetragen. Kaim scheint der Schlacht gerade die entscheidende Wende zu geben, als sich plötzlich der Himmel öffnet und eine ganze Lavaflut auf das Schlachtfeld hinein bricht. Alle Soldaten finden ihr Ende.
Es gibt scheinbar nur einen Überlebenden Kaim. Was ist die Ursache für diese Katastrophe? Ist das die Konsequenz, die das Ausnutzen der Magie nach sich zieht? Er wird vor Rat Uhras gerufen und soll der Sache auf den Grund zu gehen. Eine lange Reise beginnt
Guck doch nicht so grimmig
Auf den ersten Blick scheint Kaim Argonar ein ziemlich kalter und blasser Charakter zu sein. Und ja, genau dieses Bild, was euch in den ersten Spielstunden von ihm übermittelt wird, spiegelt genau das wieder, was Kaim zu Anfang seines Abenteuers verspürt. Kälte und Leere. Während seiner Reise werden durch bestimmte Ereignisse und Personen, die ihr trefft, Traumsequenzen frei geschaltet, die Aufschluss über Kaims Vergangenheit geben. Diese werden euch nicht in Cutscenes als viel mehr in liebevoll geschriebenen Texten von Autor Kiyoshi Shigematsu geschildert, unterlegt mit passenden und sehr atmosphärischen Klängen aus der Feder Uematsus.
Auf den ersten Blick wirken die teilweise doch schon recht viel Zeit in Anspruch nehmenden Texte noch eher abschreckend, wer sich aber auf sie einlässt, wird sich sehr schnell in ihnen verlieren und gleichzeitig wichtige Information erhalten, die sehr viel Aufschluss über das Schicksal Kaims geben und daher auch für das Verständis der gesamten Story ausschlaggebend sind. Dabei ist die Erzählweise sehr emotional, ohne aber gleichzeitig kitschig und aufgesetzt zu wirken. Glaubt uns, das Lesen lohnt sich. Je mehr man von diesen Träumen liest, desto mehr Verständnis bringt man für Kaims Verhalten auf und desto mehr wächst er einem im Laufe der Zeit ans Herz.
Auf seiner Reise begegnet ihr gleich mehreren Unsterblichen, die allesamt ebenfalls an demselben, geheimnisvollen Gedächtnisschwund leiden. Weiter macht er Bekanntschaft mit Normalsterblichen, die viel mehr mit seinem Schicksal zu tun haben, als man anfangs annehmen möchte. Das Abenteuer ist gepflastert von Intrigen, Verrat, aber auch Freundschaft und Warmherzigkeit, kommt allerdings erst recht spät wirklich in Schwung.
Kämpfe der alten Schule!
Die Kämpfe in Lost Odyssey werden, wie schon gesagt, in Runden ausgetragen. Am unteren Bildschirmrand ist stets eine Leiste zu sehen, die anzeigt, wer als nächstes am Zug ist. Anders als in Final Fantasy X, welches ein ähnliches Kampfsystem nutzt, gibt es hier allerdings einen kleinen, aber feinen Unterschied, der gerade den Einsatz von Magie betrifft. Sobald ein Charakter einen magischen Angriff vorbereitet, kann man dem vorbeugen, indem man seinen Angriff auf ihn lenkt. Auf diese Weise wird dessen magischer Angriff nach hinten versetzt und kann unter Umständen sogar zum Abbruch gezwungen werden. So muss man den Einsatz von Magie, der je nach Stärke des Angriff sogar mehrere Runden für die Vorbereitung in Anspruch nehmen kann, genau durchdenken, da dieser ansonsten schnell nach hinten losgehen kann. Ansonsten gilt hier das bewährte Angriff-Fähigkeit-Zauber-Gegenstand-Verteidigung-Prinzip. In den Kämpfen hat eure Party Platz für insgesamt fünf Mitglieder gleichzeitig. Ihr könnt vor und während des Kampfes eure Formation in zwei Ebenen festlegen.
Das bringt folgenden Vorteil mit sich: Charaktere mit niedrigeren HP werden so von der Vorhut geschützt. Die Mitglieder in der vorderen Reihe stellen eine Art Schutzwall dar. Diesbezüglich gibt es eine Leiste, die alle HP der vorderen Reihe in SZ-Punkten zusammenzählt und anzeigt, wie stark euer Schutzwall noch ist. Bei jedem Angriff auf die vorne stehenden Charaktere nimmt diese stetig ab. Ist sie erst einmal durchbrochen, nehmen auch die hinten Platzierten vollen Schaden. Zu beachten ist hier, dass das Heilen der Mitglieder sich nicht auf die SZ auswirkt.
Ein weiteres Feature ist das Ring-System, welches es in dieser Form noch nicht zu sehen gab und während der Waffenattacken zum Einsatz kommt. Rüstet ihr eure Recken mit diesen speziellen Ringen aus, könnt ihr eure Angriffe mit den verschiedensten Wirkungen verstärken. Hier müsst ihr den rechten Trigger gedrückt halten während ein Ring auf einen zentralen, angezeigten Ring fixiert. Sobald dieser exakt auf dem vorgegebenen Ring steht, müsst ihr den Trigger loslassen, um so die Effektivität eurer Angriffe zu verstärken. Timing ist hier entscheidend. Das Feature gliedert sich hervorragend in die Kämpfe ein und verpasst ihnen die nötige Würze.
Die Ringe findet ihr allerdings nicht einfach so, sondern müsst sie mit bestimmten Bestandteilen selber fertigen. Dafür findet ihr überall in der Welt Unmengen verschiedener 'Zutaten', die ihr verwenden könnt. Während der Kämpfe lassen sich mit der Stehlen-Fähigkeit manchmal wahre Schätze bergen. Auch das Erledigen von Side Quest belohnt euch mit seltenen Gegenständen, die ihr für das Schmieden mächtiger Ringe benötigt. Die Ringe bilden einen wichtigen Bestandteil des Spiels. Manche der Gegner erweisen als schier unbesiegbar, wählt ihr aber die richtige Ring-Kombination, könnt ihr ihre jeweiligen Schwächen gekonnt ausnutzen.
Zufallskämpfe! Olé, olé!
Anders als noch in Blue Dragon werden die Kämpfe in Lost Odyssey hauptsächlich zufällig vorgegeben. Das bedeutet, dass während ihr euch in einem der 3D-Areale bewegt der nächste Kampf jeder Zeit eingeläutet werden kann. Aber keine Angst, ihr werdet nicht so häufig wie in Final Fantasy X zum Gefecht gebeten. Als Ausgleich werden die Erfahrungspunkte nach jedem Kampf großzügig verteilt.
Wer nun allerdings einige Zeit investieren möchte und seine Charaktere mit vielen Kämpfen schnell übermächtig machen will, dem macht das Spiel einen Strich durch die Rechnung. Wer bereits einen zu hohen Level erreicht hat, wird entsprechend weniger bis gar keine Erfahrungspunkte für den Sieg erhalten. Auf diese Weise ist stets gewährleistet, dass die Kämpfe anspruchsvoll bleiben und dadurch nie wirklich langweilig werden.
Die Unsterblichkeit der Charaktere wirkt sich natürlich auch auf die Kämpfe aus, allerdings könnt ihr dennoch schnell den Game Over-Bildschirm sehen, wenn ihr zu nachsichtig seid. Kaim und Co. gehen zu Boden, wie jeder Normalsterblich auch, stehen nach kurzer Zeit aber wieder auf. Sobald allerdings alle Party-Mitglieder gleichzeitig gen Boden sinken, ist das Spiel vorbei. Zwischen den Normal- und Unsterblichen gibt es in Hinsicht auf die Fähigkeiten auch noch einen kleinen, aber feinen Unterschied. Im Gegensatz zu den Sterblichen sind Kaim, Seth und Gefolge nicht in der Lage, eigenständig neue Fähigkeiten zu erlernen. Stattdessen könnt ihr die Fähigkeiten der Sterblichen mit den Unsterblichen verknüpfen.
Jede Fähigkeit kann so erlernt werden. Nach jedem Kampf bekommt ihr neben Erfahrungspunkten auch Fähigkeitspunkte (FP) gut geschrieben. Jede verknüpfte Fähigkeit benötigt eine gewisse Anzahl an FP bevor der Charakter sie komplett erlernt hat. Die Fähigkeiten lassen sich dann in einer beschränkten Zahl an Slots, die sich im Laufe des Spiels noch erweitern lässt, einsetzen. Gleiches gilt auch für Ausrüstungsgegenstände wie Brillen oder Ohrringe, die jeder Charakter anlegen kann. Auch hier lassen sich mit FP individuelle Eigenschaften, wie beispielsweise die Immunität gegen Lähmung, erlernen. Was ihr aber beachten solltet ist, dass ihr die Unsterblichen zwar jede x-beliebige Fähigkeit lernen können, es aber dennoch Klassenunterschiede gibt, die sich beim Anwenden der Fähigkeiten und Zauber auf deren Wirkungskraft auswirken. So wird Kaim als Krieger nie den Schaden mit einem Feuerangriff austeilen können, wie Jansen oder Ming. Neben neuen Waffen sind dies allerdings die einzigen Gegenstände, mit denen ihr eure Party ausstatten könnt. Verschiedene Kleidungsgegenstände oder Rüstungen gibt es nicht. Ein cooler Nebeneffekt bei den verschiedenen Gegenständen ist, dass man in den verschiedenen Cutscenes den jeweiligen Gegenstand am Charakter sieht.
Das Gameplay neben den vielen Kämpfen gestaltet sich für ein Rollenspiel dieser Art relativ abwechslungsreich. Mal müsst kleinere Rätsel lösen oder ungesehen durch ein kleines Gebiet gelangen, dann gibt es kleinere Plattforming-Einlagen. Zwar hat man diese Elemente schon oft in anderen Rollenspielen gesehen, aber man kann nicht abstreiten, dass sie das Spiel bereichern. Dennoch täuschen sie nicht über den linearen Verlauf des Spiels hinweg. Das freie Erforschen im Stile eines Final Fantasy XII tendiert hier fast schon gegen Null. Ab und an lohnt es sich zwar eine Abzweigung zu nehmen, um eine versteckte Truhe zu finden, Forscher dürften sich allerdings eher auf Schlips getreten fühlen. Eine frei begehbare Weltkarte gibt es ebenfalls nicht. Ihr legt einen Zielpunkt fest, bekommt eine kleine Sequenz zu sehen und befindet euch im nächsten Moment an dem gewünschten Ort. Lediglich in den vielen Städten, die ihr bereist, lassen sich kleine Side Quest, Kämpfe in Hinterhöfen und einige Auktionshäuser wieder finden, die euch mal mehr, mal weniger lang bei der Stange halten können. Man merkt dem Titel an, dass man sich der Traditionen alter Final Fantasy-Teile angenommen hat. Fans der alten Teile werden in jedem Fall auf ihre Kosten kommen, wer ein gänzlich neues Spielerlebnis sucht, könnte enttäuscht sein.
Man sollte ebenfalls hervorheben, dass das Spiel einen nicht zu verachtend hohen Schwierigkeitsgrad hat und gerade bei Bosskämpfen alles von euch abverlangt. Wer hier nicht die Strategie des Gegners durchschaut und entsprechend kontert, wird schnell verzweifeln. Oftmals könnt ihr auch nicht anders als den letzten Spielstand einzuladen, um in diversen Kämpfen nochmals eine wichtige Fähigkeit zu erlernen, ohne die ihr gegen manche Gegner schlicht keine Aussicht auf Erfolg habt. Diese Kleinigkeit hätte nicht sein müssen und kann mitunter für Frust sorgen.
Kleine Macken
Aus technischer Sicht präsentiert sich Lost Odyssey als zweischneidiges Schwert. Während es Passagen gibt, die euch mit ihren Licht- und Schatteffekten oft den Atem rauben, gibt es auch sehr triste Abschnitte, die dem sehr im Widerspruch stehen. Die verwendete Unreal Engine 3 lässt hier nur manchmal richtig ihre Muskeln spielen. Sehr gut gelungen sind hingegen die verschiedenen Charaktere, die nicht nur mit liebevollen Details, sondern auch mit einer glaubwürdigen Mimik überzeugen können. Im Groben und Ganzen haben die Charaktere einen sehr realistischen Look, manche Charaktere stehen allerdings mit einem comichaften Antlitz im Kontrast dazu.
Der prinzipiell gute Eindruck wird regelmäßig mit kleineren Rucklern getrübt, die zu Beginn fast eines jeden Kampfes erscheinen. Ebenso testet das Spiel häufig eure Geduld mit vielen Ladesequenzen, die sich von der Länge her allerdings noch in Grenzen halten und manchmal durch kleine Cutscenes kaschiert werden.
Man spricht deutsch!
Lost Odyssey wird auf sagenhaften vier DVDs ausgeliefert und bietet gleich fünf verschiedene Sprachen. Die deutsche Variante erweist sich dabei als sehr gut gelungen, für alte Final Fantasy-Fans allerdings als überaus gewöhnungsbedürftig. Am besten ist man immer noch mit der englischen Sprache bedient, bei der Dialoge noch einen Tick besser rüberkommen, als beim deutschen Pendant. Wer mag, kann sogar auf das japanische Original wechseln und für das Verständis deutsche Untertitel aktivieren.
Die musikalische Untermalung von Nobuo Uematsu spielt wie zu erwarten auf einem sehr hohen Niveau, auch wenn wir uns ein paar Kompositionen mehr gewünscht hätten. Wer sich für Lost Odyssey entscheidet, bekommt ein dickes Paket geboten. Mit einer Spielzeit von rund 50 Stunden, wenn man sich allein auf die Hauptquest konzentriert, ist auf jeden Fall für zahlreiche spannende Abende gesorgt
Was man dem Spiel anprangern muss, ist die Tatsache, dass man spielerisch bewusst einen Schritt zurückgegangen ist, damit eher Fans der klassischen Rollenspiele anspricht und kein Spiel für Jedermann ist. Aber machen klassische Spielmechaniken heutzutage keinen Spaß mehr? Sollten Zufallskämpfe der Vergangenheit angehören? Sollte Sakaguchi in Zukunft neue Wege gehen? Finde ich nicht. Wie steht`s mit euch?
Lost Odyssey im Test.
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