Oddworld Strangers Vergeltung

Review
Plattform
XBOX
Vertrieb
Electronic Arts
Entwickler
Oddworld Inhabitants
Erscheinungsdatum
-
Genre
Andere
USK
12
Oddworld Strangers Vergeltung [XBOX , looki.de]

Gesamtwertung

89%/10

Grafik

Sehr gut

Sound

Gut

Lanzeitspaß

Gut

Spieleinstieg

Gut

Bedienung

Gut

Oddworld Strangers Vergeltung

Kaum eine andere virtuelle Welt wird ihrem Namen so sehr gerecht wie die Oddworld. Dennoch schenkten viele Zocker den Spielen um Abe und Munch nur wenig Beachtung, was eventuell damit zusammenhängen mag, dass sie bislang allesamt 2D-Plattformer waren und nicht so richtig ins Konzept hochgezüchteter Grafikengines mit all ihren technischen Möglichkeiten zu passen schienen. Vielleicht konnten aber auch viele mit dem kruden, makaberen Humor nicht soviel anfangen, der die Geschichten aus der Oddworld schon immer auszeichnete. Im Jahre 2005 soll nun alles anders werden. Wirklich alles? Nun, erstmals liefert das Team der Oddworld Inhabitants unter der Leitung von Gründer Lorne Lanning mit Oddworld Strangers Vergeltung einen waschechten 3D-Shooter ab, dessen Bombastgrafik der Xbox einiges abverlangt. Der seltsame Humor ist allerdings geblieben. Wer nun wissen will, wieso der Stranger gerne lebende Munition verwendet und weshalb Arschbackenhörnchen furchtbar nerven können, der ist hier genau richtig.

Oddworld Outlaws

Das Leben in der Oddworld ist hart, aber ungerecht. Banditen lauern in den Canyons und terrorisieren die naiven Clakkers in ihrem Dörfchen Fiederstett. Der alte Tante-Henna-Laden an der Ecke bekommt kaum noch frische Ware rein, seit die Wagentrecks der Händler regelmäßig von Langfinger Floyd und seiner Truppe überfallen werden, und im benachbarten Wasserwerk hat es sich Beutegeier Duke mit seinen Jungs gemütlich gemacht. Zeit, hier mal ordentlich aufzuräumen. Da kommt der Stranger gerade recht: Den Hut tief in das haarige Gesicht gedrückt, sehen seine Gegner nur zwei grüne Augen, bevor er sie mit einer geballten Ladung Gürtelkäfer aus seiner doppelläufigen Armbrust wegputzt.

Natürlich arbeitet er nicht aus purer Nächstenliebe, denn nichts in der Oddworld ist umsonst. Wie alle Kopfgeldjäger ist er einzig und allein hinter dem prallen Beutel Moolahs her, der auf den Kopf dieser Banditen ausgesetzt ist. Der erste Weg nach dem Betreten einer Stadt ist daher immer der Gang zur Kopfgeldstube. Hier bringt ihr in Erfahrung, welche bösen Buben gerade 'Wanted' sind und wie hoch die auf ihre Köpfe ausgesetzte Prämie ist. Ballert ihr die schweren Jungs einfach über den Haufen, gibt es nur die Hälfte dessen, was ihr verdient, wenn ihr sie lebendig einkassiert und beim örtlichen Gefängnis abliefert. Natürlich lassen sich Typen vom Schlage eines Beutegeier Duke nicht einfach einbuchten, ihr müsst sie schon in ihrem Unterschlupf aufspüren, ihre Gangs aus dem Weg räumen und sie in einem (meist reichlich schweren) Bossfight aus den Socken hauen. Ihre Gefolgschaft könnt ihr dabei auch gleich einsperren, für sie gibt es ebenfalls eine Prämie.

Doch bevor ihr euch auf den Weg macht, empfiehlt es sich, den Tante-Henna-Laden aufzusuchen und sich mit Munition, Upgrades und einigen Extras wie etwa einem Fernglas einzudecken. Apropo Munition: Das Waffensystem bei Oddworld Strangers Vergeltung erweist sich als besonders witzig. Eure Munition besteht nämlich aus allerlei Tieren, mit denen ihr eure Armbrust 'laden' könnt. Insekten wie aggressive Wespen und elektrisch aufgeladene Fliegen sind dabei noch vergleichsweise harmlos, richtig interessant werden größere Kaliber wie etwa explodierende Flederbomben und die schon erwähnten Gürtelkäfer.

Brabbelnden Arschbackenhörnchen, völlig verstörte Fuzzels und die miefenden Stunks sind dagegen weniger dazu geeignet, den Gegnern die Lichter auszuknipsen, sondern müssen taktisch klug eingesetzt und geschickt mit den restlichen Viechern kombiniert werden:

Das Geplapper der Hörnchen etwa nervt höllisch, so dass ihr einzelne Gegner mit ihnen anlocken und dann einfacher abfertigen könnt. Stunks wiederum stinken derart bestialisch, dass sich alle Kontrahenden in einem bestimmten Umkreis übergeben müssen und somit natürlich ein leichtes Ziel für euch sind, während die Fuzzels sich als Minen einsetzen lassen. Sehr, sehr bissige Minen. Übrigens könnt ihr eure Munition auch einfach selbst jagen, wenn ihr keine Moolahs dafür ausgeben wollt. Die Tierchen wuseln und schwirren überall herum und können einfach abgeballert und eingesackt werden.

Splinter Stranger

In Oddworld Strangers Vergeltung wird aber nicht nur blind drauflos geballert, vielfach müsst ihr den Gegnern auch zunächst aus dem Weg gehen, um euch eine geeignete Deckung oder eine bessere Schussposition zu erschleichen. Das Problem ist nämlich, dass der Stranger zwar ziemlich hart im Nehmen ist und Schmerzen einfach 'abschütteln' kann, allerdings braucht er dazu einige Sekunden und ist während dieser Zeit ebenso verwundbar wie ein Masterchief, dessen Schilde sich gerade neu aufladen. Ein Kampf mit mehreren schießwütigen Banditen ist daher nur ratsam, wenn ihr genau wisst, was ihr da tut. Schlauer ist es, erst einmal die Lage auszukundschaften, bevor man losschlägt.Um euch das Versteckspiel zu erleichtern, geben euch Lorne Lanning und sein Team einige Hilfmittel in die Hand: Bei Feindkontakt erscheint ein kleines Radar, auf dem ihr nicht nur Freund und Feind unterscheiden könnt, sondern auf welchem auch der Sichtkegel der Gegner erkennbar ist. Ihr könnt so leicht feststellen, ob ein Bandit euch gerade den Rücken zudreht, obwohl ihr ihn nicht im Sichtfeld habt. Daneben informiert euch ein kurzer Hinweis am Bildschirmrand darüber, ob euch schon jemand entdeckt hat oder nicht.

Ein ganz anderes Problem und damit einer der wenigen echten Kritikpunkte an Oddworld Strangers Vergeltung ist aber folgendes: Um einen Gauner auszuknocken reicht es aus, ihm eine ordentliche Kopfnuss zu versetzen. Wollt ihr ihn jedoch gefangen nehmen und dafür Moolahs einstreichen, müsst ihr ihn in eure Kanisterfalle eingesaugen, während er bewusstlos ist. Das dauert allerdings ein paar Sekunden, in denen die anderen Gegner natürlich weiter fröhlich auf euch ballern. Knöpft ihr euch aber die anderen zuerst vor, so kann es sein, dass ihr dazu zu lange braucht, der niedergeschlagene Kerl sich wieder erholt und euch erneut attackiert. Sicher, ihr könnt zwar auch einfach alles umnieten, was euch vor die Armbrust kommt, aber leider gibt es für tote Gegner weitaus weniger Kohle. Und noch etwas nervt daran gewaltig: Beim Einsaugen in die Kanisterfalle wechselt das Spiel automatisch in die Verfolgeransicht. Ihr müsst also danach immer wieder in die Egoperspektive zurück schalten, wenn ihr wieder mit der Armbrust schießen wollt. Das ist besonders dann lästig, wenn ihr es mit mehreren Kontrahenten gleichzeitig zu tun habt und erhöht so den ohnehin schon anspruchsvollen Schwierigkeitsgrad.

Damit ihr nun in der riesigen Oberwelt den Überblick behaltet, könnt ihr durch Klicken des rechten Sticks jederzeit von der Ego- in die Verfolgerperspektive umschalten. Während ihr in ersterer wie gewohnt nur den Lauf eurer Waffe seht, beginnt der Stranger in letzterer nach einigen Schritten automatisch zu rennen. So kommt ihr nicht nur schneller von einem Ort zum nächsten, ihr könnt außerdem auch weiter springen und Gegner umrempeln. Zum Kämpfen eignet sich diese Sicht allerdings weniger, denn eure Armbrust bleibt solange im Rucksack verstaut, so dass ihr mit den Schultertasten lediglich Fausthiebe und Kopfnüsse austeilen könnt.

Der größte Nachteil der Third-Person-Perspektive aber ist meiner Meinung nach, dass sie sich im Vergleich zur sehr präzisen Egoansicht etwas wabbelig steuert, was vor allem bei Turnereien auf Häuserdächern oder anderen Klettereinlagen hinderlich ist. Zudem rennt der Stranger nach kurzer Zeit so schnell, dass ich nach einigen Sekunden immer mit lautem Klatschen irgendwo gegen laufe. Gut, das ist jetzt nicht wirklich mein Problem, immerhin bekommt der Stranger Kopfschmerzen davon und nicht ich...

Wild Wild West

Grafisch ist Oddworld Strangers Vergeltung einfach nur genial. Es ist wirklich bemerkenswert, was hier für eine lebendige, stimmige und atmosphärische Oberwelt aus dem Boden gestampft worden ist. Neben den kleinen Details wie dichtes Unterholz, hüfthohes Gras und zerklüftete Felsen überrascht vor allem der Ideenreichtum bei der Gestaltung der verschiedenen Bauwerke. Einige Anlagen, wie etwa die Kanalisation, sind sehr verwinkelt und dabei in ein schummeriges Licht getaucht - Lara Croft würde sich hier schnell heimisch fühlen. Zwischendurch wird die Story mit Hilfe von grandios animierten FMVs weiter erzählt, die es von der Qualität her locker mit den gängigen Animationsfilmen aufnehmen können.

Das Erstaunlichste aber ist, dass das Spiel trotz all der aufgefahrenen Pracht zu jedem Zeitpunkt flüssig und butterweich animiert bleibt, weder das auf Konsolen sonst so weit verbreitete Tearing noch Ruckler oder Hakser stören den Spielgenuss. Sogar die Ladezeiten halten sich in Grenzen, da permanent gestreamt wird. Eines finde ich allerdings etwas seltsam: Warum lösen sich Äpfel, die nach dem Zerstören einer Kiste daraus springen, einfach in Luft auf, sobald sie den Boden berühren?

Klar, dass das aus Gründen der Performance geschieht, aber es sieht schon irgendwie blöd aus. Auf derartige Merkwürdigkeiten stoßt ihr dann und wann schonmal, aber nur echte Pedanten würden sich daran stören.

Vom Sound her hat man sich vor allem bei den Umgebungsgeräuschen ins Zeug gelegt. Die Arschbackenhörnchen etwa sitzen nicht nur auf eurer Armbrust und glotzen euch doof an, sondern machen euch auch ständig mit Sätzen wie 'Bah, ich muss allergisch auf deine Hässlichkeit sein' oder 'Mann, dein Atem haut einen echt aus den Latschen' an. Auch die Dialoge in den Städten sind witzig anzuhören. Schlagt ihr einen der Dorfbewohner zusammen, wird aus seinem bewundernden 'Oh Stranger, mein Held!' schnell ein wütendes Schnattern. Manchmal fliehen sie aber auch panisch in ihre Häuser, nur um einige Sekunden später äußerst zögerlich 'Ok Stranger, reg dich ab... wir kommen jetzt wieder raus, also reiß dich zusammen... äh, bitte...' über einen Lautsprecher zum Besten zu geben.

Musik gibt es nur selten, meistens untermalt sie lediglich die Bossfights oder es gibt kleinere Jingles, zum Beispiel beim Abliefern der Beute. Die Lokalisation ist im Großen und Ganzen durchaus gelungen, ein paar Stimmen sind aber doch etwas sehr trickfilmhaft geraten, so dass das Gegacker der Clakkers einem mit der Zeit leicht auf den Senkel gehen kann. Außerdem war es unnötig, dass der Stranger bei wirklich jedem einzelnen Sprung eine tiefes Grunzen von sich gibt, denn durch die zahlreichen Hüpfeinlagen hört ihr diesen Sound fast so oft wie die normalen Schussgeräusche.

Fazit

Ich bin schon ziemlich überrascht, wie es den Oddworld Inhabitants gelungen ist, frischen Wind in die Oddworld zu bringen, ohne das humorvolle Flair der Vorgänger aus den Augen zu verlieren. Die Story um den Stranger auf der Jagd nach der ultimativen Prämie besticht mit witzigen Einfällen, architektonisch eindrucksvollen Bauten und einer sehr flüssigen und detailreichen Grafik. Allerdings könnte der Genre-Mix manchen Puristen schwer im Magen liegen, da sich lange Stealth-Passagen und Hüpfeinlagen ständig mit satter Action abwechseln. Hinzu kommt, dass Einsteigern die ersten Schritte in der lebensfeindlichen Oddworld nicht gerade leicht gemacht werden. Es dauert eine Weile, bis man sich mit der Steuerung in der Third-Person-Perspektive angefreundet hat und man weiß, was man wo zu tun hat. Wer jedoch die Geduld dazu aufbringen kann, den erwartet mit Oddworld Strangers Vergeltung einer der abwechlungsreichsten Shooter dieser Konsolengeneration, der mit einer spannenden Story, hervorragender Grafik und professioneller Präsentation lange Zeit ans Pad fesselt. Oder anders ausgedrückt: Wer in einem Shooter nicht nur Daueraction sucht, sollte noch heute ein Ticket in die Oddworld lösen.

Oddworld Strangers Vergeltung [XBOX , looki.de]

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